Zum Schloss Dracula & eine Wahrheit über Lilith

Sie tauchten auf einer Lichtung wieder aus den Schatten auf. Lucy brauchte einige Zeit, um sich zu orientieren und die Amok laufenden Sinne zu beruhigen. Von allen Seiten strömte es auf sie ein. Der Mond, der sein stärker werdendes Licht über die Erde schickte und alles gleichermaßen erhellte, wie auch noch unnatürlicher erschienen ließ. Es fehlten anscheinend nur noch ein paar Tage bis Vollmond, so wie es aussah. Lucy konnte das nicht deutlich erkennen, die Mondphasen waren noch nie wirklich in ihrem Interesse gewesen. „Noch drei Tage“, sagte Arah. Lucy blickte sie an. Hatte sie ihre Gedanken gelesen? Arah lachte. „Du hast mir diese Frage ja förmlich aufgedrängt. Sie wahrscheinlich unbewusst herausgelassen. Keine Angst. Ich dringe nicht in Deinen Verstand ein.“ Sie ergriff die Hand von Lucy und tanzte um sie herum. Lucy ließ sich führen, bewegte sich aber nur steif im Kreis mit ihr. „Luna wird auf lange Zeit Dein einziger Begleiter sein. Gewöhn Dich an sie.“ Lucy blickte sie verständnislos an. „Luna. Der Mond.“ Arah zeigte zur weißen Scheibe am Himmel. „Es ist lateinisch.“ Luna Lupus, schoss es Lucy in die Gedanken. „Lupus, der Wolf.“ Wieder Arahs Antwort auf die unausgesprochene Frage. Daran würde sich Lucy erst gewöhnen müssen. „Oder, Du kontrollierst es besser?“ Sagte Arah und stoppte ihren kleinen Tanz. „Aber das kommt mit der Zeit.“ Lucy hörte ihre Stimme, doch lenkte sie die Umgebung vollkommen ab. Es war wie ein Traum, was sie sah, hörte und fühlte. Der Wind rauschte ganz sanft durch die Baumwipfel, berührte die Blätter nur leicht, die kaum wahrnehmbar im Wind wiegten. Sie konnte förmlich spüren, wie sich das Holz bog und dem Strom der Natur folgte. Das Mondlicht suchte sich seinen Weg überall hin, bis auf die leicht feuchte Erde, die es in mikroskopisch kleinen Diamanten funkeln ließ. Sie sah und spürte unter den Ästen, im Gras, die Bewegung. Würmer, die sich durch die Erde wühlten, Ameisen, die dort unten emsig hin und her tapselten. Die Käfer, die über das Unterholz krabbelten und sogar die Insekten, die in der Rinde einer Beschäftigung nachgingen. Es war, als spräche die Natur selber mit ihr und sie sei nun ein Teil von ihr geworden. Sie entdeckte sogar ganz schwach die Bewegung in den Blättern selbst. Wie ihr Saft sich in kleinen Adern fortbewegte und durch unendlich viele Löcher Feuchtigkeit wieder herausstieß. Alles herum glitzerte im Schein der Nacht. Der Stillstand, die Ruhe selbst, beherbergte eine Emsigkeit an unendlichen Bewegungen und Leben. Lucy konnte sich nicht satt sehen und entdeckte immer mehr. „Es ist doch etwas ganz ander es, als eine von Menschen verfor mte Natur, nicht wahr?“ Klang es in vielfältigen Melodien an ihr Ohr. Lucy riss sich los und die Intensität Ihrer Wahrnehmung verschwand. Aber ihr war klar, dass sie wenn sie es wollte, jederzeit wieder eintauchen konnte. Wie in einen Horizont, der über dem eigentlichen Himmel lag. Einmal gesehen, konnte man es nicht mehr verleugnen. „Wo sind wir?“ Fragte sie Arah, die sie eingehend beobachtete. „Ich habe Dir doch ein Schloss verspr ochen. Komm, ich zeige es Dir.“ Sie ging an Lucy vorbei, die ihr kurz darauf folgte. Es vergingen ein paar Minuten, in denen sie dem festgetrampelten Weg aus Erde folgten. Dann blieb Arah abrupt stehen und drehte sich zu ihr um. „Schließ die Augen.“ Lucy zog die Augenbrauen hoch. Was sollte das denn werden? „Ich will nur, dass Du es voll und ganz in Dich aufnimmst. Es genießt in seiner wirklich natürlichen Pracht. Und das geht nur vollkommen, wenn es auf einmal zu Dir strömt.“ Sie bot ihr die Hand an. „Vertrau mir.“ Lucy zögerte kurz und sah in diese grünen unschuldigen Augen. Was hatte sie schon zu verlieren? Was konnte ihr jetzt noch passieren? Sie ergriff die Hand und schloss die Augenlider. Sie wurde zielsicher weitergeführt, an Bäumen vorbei über eine Wiese. Sie konnte das feuchte Gras unter den Schuhen quietschen hören. Dann blieben sie stehen.„ Mach die Augen wieder auf und genieße es.“ Lucy stand an einer Felskante. Unter ihr ging es fast unendlich in die Tiefe bis auf ein Stück Erde, das sie mühsam als Strand erkennen konnte. Die Wellen trieben nur leicht ihr Spiel, brachen und verloren sich im ständigen Wechsel. Im Zentrum von dem Allen, in Mitten des Wassers, erhob sich ein riesiger Aufbau an Steinen. Er schien selber aus den Steinen gewachsen zu sein, die umso näher sie dem Himmel kamen immer schwärzer wurden. Zur rechten, über dem Ungetüm, der sich vervollkommnende Mond, begleitet von weißen kleinen Strichen, die das Abbild von werdenden Wolken bildeten. Und jetzt erkannte Lucy einen schmalen Weg dort unten, der über eine Holzbrücke sich den Weg hinauf schlängelte. Sie konnte Auskerbungen ausmachen, zwei Türme vor dem breiten schwarzen Eisentor. Und das Bild fügte sich im Einklang des Verstehens, erst richtig zusammen. Es war eine Burg, ein Schloss. Direkt aus dem Fels herausgewachsen und fast nicht davon zu unterscheiden. Nur die Unterbrechungen der natürlichen Linien, die Kanten und Ecken, ließen erkennen, dass es erschaffen worden war. Es wirkte dort, in mitten des Meeres unter dem sonst schwarzen Himmel, einfach magisch. Wie ein Ungetüm aus einer anderen Welt, das den Weg hierher fand. Lucy erwartete fast, dass es zum Leben erwachen würde. „Ungeheuerlich, atemberaubend“, sagte sie nach einer Weile. Sie konnte den Blick nicht davon abwenden. Umso mehr sie sich konzentrierte, umso mehr Kleinigkeiten entdeckte sie. „Wie kommst Du daran? Wem gehört es? Wer wohnt da? Wer hat es überhaupt so erschaffen?“ Lucy konnte ihre Neugier kaum bändigen. Wenn das Schloss schon so einzigartig war, wie war dann sein Besitzer? War er grausam, Schrecken einflößend oder genauso magisch, majestätisch und geheimnisvoll? Sie sah Arah an, die selber gedankenverloren auf den Bau blickte. „Ich habe es nicht gerade erst entdeckt. Das stimmt nicht so ganz. Ich besitze es schon seit einigen Jahrhunderten.“Lucy unterbrach sie nicht, sie wollte mehr wissen. „Der frühere Besitzer war genauso eine Größe, wie das, was Du dort siehst. Er ist zu einer Legende geworden, ein Begriff für etwas weit Größeres. Das Versprechen, das das Schloss gibt, hat er wahrgemacht. Vielleicht kennst Du die Geschichte?“ Arah sah sich zu Lucy um, leicht fordernd, als suche sie etwas an ihr, oder auch in ihr. Dann blickte sie wieder zum Schloss. „Wohl eher nicht. … Als einer der Wenigen, kennst du es nicht. Ich traf den Grafen …“ „Ein echter Graf ?“ Fuhr Lucy überrascht dazwischen. „Ja, zur damaligen Zeit gab es das noch.“ Ein leicht gereizter Unterton, der dem ungeduldigen Kind zwischen den Zeilen eine Rüge erteilte. Lucy biss sich auf die Lippen, ermahnte sich zur Geduld. „Er war ein großer Feldherr, fegte mit seinen Eroberungszügen über das Land. Unaufhaltbar metzelte er seine Feinde nieder. Zu Lebzeiten war er eine Autorität im Glauben. Einem Glauben, dem sich sein Orden verschrieben hatte. Sein Orden ist längst vergangen, zur Asche in der Erinner ung der Menschen verkommen. Doch er ist etwas Anderes. Er lebt weiter, in Mythen und Legenden, von denen nur Wenige die Wahrheit kennen.“ Arah verstummte. „Zeitlos in der Ewigkeit“, kam es abwesend von ihr. Sie schreckte hoch, als würde sie aus einem Traum erwachen und erzählte weiter: „Ich traf ihn als Mensch. Seine Feinde hatte seine einzige Schwäche gefunden. Seine Frau, seine einzige Liebe, die das Ungebor ene in sich trug. Sie schickten ihr die Nachricht, dass er in der Schlacht gefallen sei. Sie ertrug es nicht, konnte nicht ohne ihren Liebsten leben und ging in den Tod. Als er vom Sieg betrunken in das Gemach seiner Frau stürzte, um sie in die Arme zu schließen, erkannte er die List seiner Feinde und schrie unter inneren Qualen auf . Er verfluchte Gott, den Glauben, für den er Jahrzehnte gekämpft hatte. Er schwor Rache an den Lebenden selbst und metzelte alle Bewohner des Schlosses nieder. Es vergingen Wochen, Monate, in denen er die Hölle anrief und seine Seele anbot, aber niemand antwortete. Natürlich nicht. Er erkannte die Grenzen seiner Menschlichkeit, dass er nichts weiter als ein Faden im Netz des Schicksals war und nur akzeptieren konnte. Er würde keinen Gott herausfordern können, keinen Teufel beschwören. Und letztendlich verlor er mit dem Glauben an seinen Gott auch den Teufel. Angesichts des Nichts, der Leere, die zurückblieb, wollte er seine jämmerliche Existenz beenden. … Und da kam ich zu ihm. Ich bot ihm seine Rache an, die Möglichkeit ewig zu leben und er nahm an. Er konnte gar nicht anders. … Das Schloss trägt seinen Namen. … Dracula.“ Der Name wehte durch die Nacht, wie ein Nachhall schien er etwas zu beschwören, das sich verborgen hielt. Arah fuhr fort: „Die Legende sagt, dass der Teufel ihn erhörte. Er ihn an den Blutdurst band und zur Ewigkeit verdammte. … Den Teufel würde ich ger ne mal treffen. Aber im Laufe der Zeit erkennt man, dass es mehr Legenden als Wahrheiten gibt. Kein Gott, kein Teufel, aber dafür Dämonen im Überfluss. Eine berauschende Vorstellung, nicht wahr?“ Arah warf ihr einen Blick von der Seite zu. „Lebt er noch? Ist er … da … drin?“ Fragte Lucy.

„Nein. Er überließ mir das Schloss. Er ist gewisser maßen da und auch doch nicht. Tot und auch lebendig. Ich erkläre es Dir nachher genauer. Denn er ist Dir ähnlicher als Du denkst. Er war ebenso ein Meister vampir. Seine Fähigkeit war die der Tierwelt. Er konnte mit den Tieren sprechen, sie stumm verstehen und sich sogar in einige verwandeln.“ Lucy fühlte sich ertappt, ein bisschen schuldig. Die Worte Anthanas kamen ihr in den Sinn. Sie sollte es ihr nicht erzählen? Sie wusste es doch schon. Auf die Art, wie sich ihr Körper verändert hatte, war es auch nicht mehr zu übersehen. Lucy sparte sich eine Antwort. Sie
war gespannt darauf, was Arah ihr erzählen würde. Sie schien eine lange Vergangenheit zu haben. Sie erwähnte es zwar andauernd, aber zu begreifen, dass da auch Schicksale hinter standen? Andere Schicksale, deren Gefühle sie mit sich herumtrug? Wie viele hatte Arah getötet, wie viele in Trauer sterben sehen und wie viele vor dem Tod bewahrt? Gab es noch mehr solcher großer Gestalten, wie die, die das Schloss noch immer wieder gab? „Dracula“. Sie hatte den Namen schon gehört, konnte ihn aber nirgends einordnen. „Komm jetzt. Ich bin sicher, Du willst es endlich von innen sehen.“ Arah machte einen Schritt nach vorne und war schon über die Klippe. Lucy zögerte keine Sekunde und folgte ihr. Als Lucy am Boden landete, verdunkelte sich die Erde und die Schatten fingen den Aufprall ab. Sie nahmen ihm die Wucht, so dass nicht mal ein leichtes Vibrieren auf dem Erdreich zu spüren war. Dass Arah es bemerkt hatte, war klar, denn sie stand bereits unten und sah ihrer Landung zu. Keine Miene, Keine Überraschung und auch keine Frage. Arah wusste bereits, was mit ihr geschehen war. Und sie würde ihr die Antworten geben können, es vielleicht sogar erklären? „Das überrascht Dich nicht?“ Fragte sie Arah und zeigte durch ein Nicken auf den Boden. „Deine veränderte Haarfarbe, die Muster Deiner Haut. Das bedeutet nur eins“, antwortete sie. „Was bedeutet es?“ „Das erkläre ich Dir später. Es ist eine Geschichte, die ich im Zusammenhang erzählen muss. Nur noch ein bisschen Geduld. Es wird sich für Dich lohnen.“ Der Schalk zeigte sich in einem seltsamen Lächeln, dass die blutleeren Lippen verzog. Ein Lächeln, das Lucy nicht g anz einordnen konnte. War es Schadenfreude oder Vorfreude? Sie sollte vorsichtig sein, auf der Hut. Wer wusste denn schon, was passieren könnte? Obwohl Arah ihr noch keinen Anlass für Misstrauen gegeben hatte, nur Anthana hatte es geschürt. Und auch die hatte ihr
keinen richtigen Grund dafür genannt. Sie hatte sie nur gewarnt und den Zweifel erweckt. Einen Zweifel, den sie nicht so einfach bei Seite schieben konnte. Arahs Stirn verzog sich, eine Falte, hochgezogene Brauen und ein böser Blick aus ihren grünen Augen. Dann glättete es sich wieder, als wäre es nie da gewesen und sie verfiel in Schritttempo. Sie ging einfach los und schüttelte dabei den Kopf. Lucy eilte ihr nach und wäre fast in sie hineingelaufen, als sie dann plötzlich stehen blieb. „Du hast also meine Schwester getroffen?“ Sie musste wirklich lernen ihre Gedanken unter Kontrolle zu halten. Oder hatte sie überhaupt keine Chance, bildete sie sich nur ein, frei zu entscheiden? War sie schon längst so eine Marionette wie die Menschen im Club? „Aber ganz sicher. Weil ich Dir auch gesagt habe, wie Du den Schläger töten sollst, oder?“ Kam es von Arah. „Du weißt davon?“ „Ich kann fühlen was Du machst und es wie durch Deine Augen sehen. Aber nicht, weil ich es will, sondern weil Du einfach alles wie auf dem Silbertablett präsentierst. Du bist so unschuldig, so offen und so naiv. Du musst Dich endlich verschließen, sonst wird Dich jeder herum schubsen und manipulieren.“ Lucy sagte nichts, versuchte das zu verstehen. „Wieso glaubst Du meiner Schwester, die Dich töten lassen w ollte? Nur für das, was Du bist? Ohne Dir eine Chance zu geben, Dich zu erklären? … Wieso?“ Ihre Augen begannen wild zu funkeln und Lucy spürte das Feuer, das bedrohlich in Arah hochzüngelte. „Ich … weiß …“, setzte Lucy an, wurde aber einfach von Arah überfahren. „Einer Schwester, die mich seit Jahrhunderten jagt. Eine Schwester, die jeden meiner Schritte verfolgt und meine Kinder und die, die ich liebe, mit Freuden tötet. Und jetzt hetzt sie mir auch noch Luna Lupus auf den Hals. Habe ich Dir einen Grund zur Sorge gegeben? Fühltest Du Dich auch nur eine Sekunde manipuliert? Schwebtest Du auch nur einen Moment in Gefahr?“
„Nein“, musste Lucy zugeben. „Warum dann? Warum glaubst Du ihren Worten? Warum zweifelst Du an mir? An mir, … die Dich liebt?“ Arah war jetzt ganz nah bei ihr und strich ihr über die Schläfen, griff unter die schwarzen Haare und senkte ihren Kopf. Die sanfte Berührung ihrer Lippen, nur g anz sanft hingehaucht auf ihren Hals und doch reichte es, um Lucy zu verwirren und ihre Gefühle in Aufruhr zu bringen. „Ich bin nur so verwirrt. Es ist alles so neu, so viel und so berauschend.“ Sagte Lucy mit leicht verträumter Stimme. „Ich w eiß, meine Liebe. Lass mich Dir dadurch helfen, aber Du musst mir vertrauen. Wem sonst kannst Du es?“ Arah gab ihr einen Kuss auf die Lippen, der wie ein plötzlich aufgestoßenes Tor in die Ewigkeit wirkte. Alle Sorgen und Gedanken verschwanden und Lucy spürte, wie sehr sie Arah begehrte. Sie wollte sich ihr hingeben, am ganzen Körper nur von ihr berührt werden. Arah löste sich wieder, riss Lucy aus diesem Traum, erg riff ihre Hand und zog sie mit sich. „Und jetzt lass uns endlich reingehen.“ Sie überquerten die kleine Brücke, die nur ein paar Meter über dem Wasser lag. Unter ihren Füßen kochte die Gicht, brachen sich die Wellen und nahmen das Geräusch von hauchdünnem Glas an, dass am Felsen zerbrach. Umso näher sie dem Schloss kamen, umso mehr erkannte Lucy, wie groß es wirklich war und wie klein und nichtig sie sich im Vergleich dazu vorkam. Unendlich in die Höhe ragte es. Von hier untern schien es, als berühre es den Himmel. Sie sah unzählige Vögel, die die Felsen umrundeten, in Gruppen, einzeln und abwartend auf jeder Oberfläche die sich nur anbot. Und mit einem Mal erhoben sich alle gleichzeitig. Der Himmel an der Spitze des Schlosses wurde schwarz, das Mondlicht drang nicht mehr hindurch und wildes Gekrächze übertönte jedes weitere Geräusch. Das war zu viel. Lucy spürte, wie etwas eisiges sie innerlich berührte, danach griff und es
zusammenpresste. Sie stöhnte unter Schmerzen auf und blieb stehen. Dort hinein, in dieses Grauen, sollte sie gehen? Ihr Körper, wie auch ihr Geist, wollten es nicht. „Das sind nur Vögel. Krähen, meine ständigen Begleiter. Sie umwehen meine Pfade, verfolgen meine Spuren. Wie die Zeichen der Schicksalslenker. Doch sie folgen nur und beobachten. Hab keine Angst. Es sind nur Vögel.“ Arah zog sie sanft am Arm. Widerwillig, mit purer Abneigung gab Lucy nach und ging weiter. Das Eisentor öffnete sich von selbst. Es schwang einfach auf und Lucy erkannte, dass es viel zu groß war. Es hatte die Höhe von fünf Menschen übereinander. Für was für Kreaturen war der Eingang gemacht worden? Sie sah die Verzierungen, Leidgeprüfte Gesichter, in Wehklagen geöffnete Münder über das ganze Tor im Eisen verewigt. Den Eingang zur Hölle, würde sie sich nicht anders vorstellen. An der Hand ihrer Beschützerin trat sie ein. Sie hatte Höllenfeuer, schreiende Menschen in Ketten erwartet. Stattdessen empfing Lucy ein goldgelber Schein, der von den Kerzen in schwarzsilbrigen Ständern in den Raum geschickt wurde. Der Boden bestand aus schwarzem Marmor, so glatt poliert und ohne Makel, dass er auf eigentümliche Weise, das Kerzenlicht wiederspiegelte. Die Decke befand sich in scheinbar unendlicher Höhe und machte einem Raum Platz, an dessen Ende sich zwei Holztreppen schlängelten. Rechts und links, mit einer kleinen, die sie auf eine Erhebung führten. Der Weg, den sie vorzeichneten, führte zu zwei schmalen Eingängen am Ende einer jeden. Und in der Mitte hing ein riesiges Gemälde, flankiert von den Durchg ängen. Der Rahmen war in Kleinstarbeit verziert, Blütenblätter und Rosen, die von Stacheln umwunden waren. Das alles eingearbeitet in Gold, dessen Glanz durch die flackernden Kerzen, nur noch übernatürlicher wirkte. Aber das Bild selbst, fesselte Lucy mehr als das alles drum herum. Sie sog förmlich jede Kleinigkeit auf und schien es wie lebendig fühlen zu können. Pinselstriche, die sich in allerlei Farben mischten, so fein, so willkürlich und doch gaben sie ein klares Bild wieder. Es war eine Frau. Sie saß mit verschränkten Beinen auf dem Boden, den Kopf seitlich geri chtet. Ein weißes zartes Kleid, das ihr in Wellen sogar die Füße verdeckte. Sie hatte schwarze Haare, graue fast farblose Augen und hinter ihren Schultern hob es sich empor. Es streckte si ch zum Himmel, voll ausgefaltet und in seiner ganzen Pracht zur Schau gestellt. Es waren Flügel, wie man sie sich nur bei Engeln vorstellte. Der Himmel über ihr war aufgebrochen, öffnete sich für den Schein der Sonne. Ein Licht, das wie ein Wegweiser, den Pfad zum Himmel zeichnete. Über ihr kreiste ein Adler, in der Ferne konnte Lucy ein paar Krähen entdecken. Und ganz unten, am Rand des Bildes, Lucy hatte es erst für den Saum des Kleides gehalten, wand sich eine kleine Schlange. Unscheinbar, genauso weiß wie das Kleid, und doch war es, als gehöre sie zu der Frau. Und während Lucy diese Gestalt betrachtete, schien sie so lebendig zu wirken, dass sie fast unbewusst und drängend drauf wartete, dass sie den Kopf drehte und sie geradewegs anschauen würde. „Wer ist sie?“ Fragte Lucy, als sie sich für einen Moment frei machen konnte. Nur für ein paar Sekunden, um Arah einen Blick zu zuwerfen und dann doch wieder nur gefesselt auf das Bild zu starren. Diese Frau wirkte so erhaben, so makellos und so wissend. „Sie war einmal ein Engel. Jetzt ist sie unser Ursprung.“ Sagte Arah nur. „Sie lebt noch? Sie ist ein Vampir?“ Fragte Lucy. Sie musste sie treffen. Unbedingt, um das in Wirklichkeit zu sehen. „Ja das tut sie. Seit unendlichen Jahren. Um Jahrtausende länger als ich. Sie hat mich geschaffen.“ Arah verstummte einen Moment, dann fragte sie: „Kennst Du die Bibel?“

Und Lucy musste lachen, blickte Arah an und dachte, sie mache einen Scherz. Aber an ihrem Gesichtsausdruck erkannte sie, dass die Frage ernst gemeint war. „Mehr oder weniger. Warum? … Mich wundert, dass Du sie kennst. Wir sind Vampire, Untote, Verdammte, oder? Warum sollten wir uns mit so etwas beschäftigen?“ „Du gehst, wie viele Deiner Zeit, von dem göttlichen Hintergedanken dieses Werkes aus. Das Christentum hat es erfolgreich dazu gemacht. Für mich ist es nur ein Buch. Ein Buch mit wunderbaren Geschichten, die dem Menschen einfach nur Botschaften über mitteln. Friede, Liebe und die Erlösung, das Leben nach dem Tod.“ Diese Worte aus Arahs Mund zu hören? Als wenn der Teufel einen zu Gott bekehren wollte. Von Natur aus, konnte das nur Sarkasmus sein. „Es sind grandiose Botschaften, die die Herde in Zaum hält und zum göttlichen Hirten treibt, den man nur in seinem jeweiligen Glauben sehen kann. In seinen Gotteshäusern, den Kirchen, Moschehen oder was auch immer gerade passend erscheint. … Aber ich denke normalerweise nicht über so etwas nach. Ist ehrlich gesagt einfach zu langweilig und warum sollte es uns kümmer n, da wir doch ewig leben?“ Fragte Arah. „Und warum fängst Du dann davon an?“ Irgendwie verstand Lucy den Gesprächsverlauf absolut nicht. „Weil es doch auch mit ihr“, Arah zeigte auf das Bild, „zusammenhängt. Sie hat mir die Anfänge erklärt. … Na ja, es wenigstens versucht.“ Ein leicht verlegenes Lachen. „Warum ich auf die Bibel zu sprechen komme… kennst Du die Schöpfungsgeschichte? Das Paradies aus dem wir vertrieben wurden?“ Es klingelte bei Lucy. „Adam und Eva? Die von der verbotenen Frucht aßen und herausgeschmissen wurden?“ „Die Namen, die Lilith mir nannte, waren Ask und Embla. Ich denke aber, sie meinte genau das. Sonst hätte auch ich es mir nicht erklären können, worauf sie hinauswollte. Also, Adam und Eva. … Wie auch alles Andere, ist es natürlich verdreht worden. Dem Ziel, der eigenen Mission angepasst worden. Zum einfachen Marketingnutzen verkommen. … Willst Du es wissen? Willst Du verstehen, w oher sie kommt?“ Arah blickte Lucy erwartungsvoll an. Ihr musste klar sein, dass einmal angeschnitten, sie wissen musste, worauf es hinauslief. „Ja. Erzähl es mir.“ „Der Name der Frau ist Lilith. In den Legenden zu dieser Zeit ist das der Name der Schlange, die Adam verführt hat oder auch der von Adams erster Frau. Das ironische daran ist, dass beides einen Ker n Wahrheit in sich trägt.“ Lucy hing wie gebannt an ihren Lippen. „Es gibt also das Paradies. Es gibt Adam und Eva. Und es gibt einen liebenden Gott. Aber, wenn Du die Bibel gelesen hast, weißt Du, dass er prüft. Er fordert Opfer, nur um die Bereitschaft zu testen. Er versucht die Menschen, um Ihnen zu zeigen, wie groß und stark sie wirklich sind. … Versteh mich nicht falsch. Ich glaube nicht an dieses Himmel und Hölle Getue. Ich nehme es, wie es kommt und erschaffe mir meinen Himmel und mein Königr eich jetzt. Und für manch anderen könnte es ganz sicher die Hölle sein.“ Sie zwinkerte Lucy zu und entblößte ihre Eckzähne. „Aber ich muss es Dir so erzählen, wie sie es mir erzählt hat. So wie sie es glaubt und weiß, damit Du es auch verstehen kannst.“ „Hat sie Dir gesagt, dass es einen Gott gibt?“ Unterbrach Lucy sie. Arah lachte auf, blechern, hohl und fast ein bisschen böse, ihre Augen glitzerten dabei. „Sie war im Himmel. … Sie war ein Engel.“ „Was?“ Entfuhr es Lucy. „Geduld.“ Arah machte eine Pause, um augenscheinlich die Spannung zu genießen, die die Neugier in Lucy erweckte. „Gott wollte also Adam und Eva testen. Sie prüfen, wie es so oft auch in der Bibel zu lesen ist. Und dafür schickte er einen Engel zu ihnen … Lilith.“ Wieder eine Pause, für die Lucy sie hätte töten können. Ein bisschen übertrieb sie es ja schon mit der Dramatik. „Der Sage nach, bot die Schlange Adam die Frucht an. Aber was, wenn die Schlange selber die Frucht war?“ Das verwirrte Lucy, dem konnte sie nicht ganz folgen. „Wie meinst Du das?“ „Adam und Eva waren rein. Unschuldig, und wie man es heute auch noch sagt, jungfräulich. Gott hatte sie als Paar erschaffen. Das hieß, sie waren gewissermaßen ein Ehepaar, vor ihm mit Treue gebunden. Gott schickte also Lilith in das Paradies um beide zu versuchen. Nicht mit einer Frucht von einem Baum, sondern mit den Verlockungen ihres Kör pers. Der Sinnlichkeit, Lust und Leidenschaft. Warum meinst Du, sagt man, Lilith war Adams erste Frau?“ Lucy wusste keine Antwort, wartete auf das, was unweigerlich kommen würde. „Lilith war die erste Frau mit der Adam sich vereinigte. Sie schliefen miteinander, hatten Sex, wie auch immer Du es ausdrücken willst. Und Eva? Sie lernte von ihr die Kunst der Verführung, die Spiele der Leidenschaft. Beide waren nicht mehr dem Paradies und der Reinheit würdig, die Gott ihnen erschaffen hatte.“ „Und Gott schmiss sie aus dem Paradies?“ Fragte Lucy. „Ja. Denn erstens hatten sie beide ihre Unschuld verloren und zweitens Ehebruch begangen, um es mit dem heutigen Begriff auszudrücken. Sie wurden verstoßen und vermehrten sich. So, wie Du es jetzt siehst. Aber, wie Lilith es sagte, es nie geplant war. Sie sollten als Paar im Paradies bleiben. Als Paar, das die Reinheit der Liebe an sich verkör perte und das in Ewigkeit. … Guck Dir an, was aus Ihnen, aus uns, geworden ist. Ist Liebe nicht mittlerweile gleichbedeutend mit Sex, Lust, Hingabe und Leidenschaft?“ Auch hier antwortete Lucy nicht. „Aber wie gesagt. Ich bin kein Kritiker, kein Philosoph. Ich sehe und genieße es
zu sehr, um mich daran zu stören. Und im Grunde glaube ich auch nicht, dass es so wirklich angefangen hat.“ „Und Lilith? Ging sie wieder in den Himmel?“ Arah lachte erneut. „Natürlich nicht.“ „Aber sie hat doch getan, was er wollte, nicht wahr?“ Lucy merkte, wie sie das Schicksal von Lilith mitriss. Und jetzt schien es, als erkenne sie Leid in deren Augen auf dem Bild. „Ja, das hat sie. … Und zwar zu gut. Denn es war nicht nur Adam, der geprüft wurde. Sie sollte ihn prüfen, ihn versuchen, aber sich ihm nicht hingeben. Immer und immer wieder. Auch sie verlor ihre Unschuld. Glaubst Du, Gott ließe sie so wieder in den Himmel? Sie wurde genauso aus dem Paradies vertrieben. Der erste gefallene Engel, wie es heutzutage so schön heißt.“ „Und sie wurde ein Vampir?“ „Nein. Sie durfte ewig unter den Menschen wandeln. Sehen, wie sie geboren werden, sich vermehren und nach dem Tod in den Himmel auffahr en. Zurück zu ihm. Und sie würde es nie wieder sehen, nie wieder den Himmel erblicken. Angekettet an eine Menschlichkeit, die nie endete.“ „Wie konnte er nur so grausam sein?“ Entfuhr es Lucy. „Lilith sagte mir, eigentlich wäre er das gar nicht. Er gab ihr das nur auf ewig, dem sie erlegen war. Der Verführung.“

„Und was ist mit der Vergebung eines Gottes? Der Ver gebung der Sünden?“ Fragte Lucy. „Dafür hätte sie bereuen müssen. Aber das tat sie nie. Nicht damals und auch nicht Äonen an Zeit, die sie mittlerweile lebt.“ „Aber Sie ist ein Vampir?“ „Ja. … Vor sehr langer Zeit kam ein anderes Wesen in diese Welt. Ein Wesen, das Dimensionen dem Verfall ausgeliefert hatte. Auf der Suche nach neuer Verderbtheit, fand es den Weg hierhin. Dieses Wesen war ein Vampir. … Kain.“
Lucy blickte überrascht auf. „Kain, der seinen Bruder erschlug?“ „Genau der. Kain, der seinen Bruder erschlug und das Mal erhielt, das ihn auf ewig in die Dunkelheit drängte. Immerzu das Blut seiner Brüder trinkend.“ „Das steht auch in der Bibel“, sagte Lucy. „Stimmt genau. Ich habe auch nicht gesagt, dass die Bibel falsch oder erfunden ist. Nur, dass die Zusammenhänge etwas entschärft wurden. Die Bibel erzählt die Geschichten, als wären sie alle hier an einem Ort geschehen. Als wären es nur Ausschnitte, Begebenheiten, die irgendwann passiert wären. Aber nicht jede Geschichte endet, weil sie keiner weiter erzählt oder aufschreibt.“ „Soll das heißen, dass auch Kain noch lebt?“ Musste Lucy einfach fragen. Die Gedanken purzelten durcheinander, ließen sich nicht greifen und doch ein Bild erahnen, das so viel größer war. „Nein, jetzt nicht mehr. Er kam in diese, unsere Welt. Überzog die Erde mit einem Blutbad und natürlich wurde Lilith auf ihn aufmerksam. Er machte sie zu einer Vampirin und auf gewisse Weise wurde sie seine Frau. Doch er starb Jahrhunderte später. Merlin, der Zauberer, riss ihm das Herz heraus.“ „Merlin soll auch wirklich gelebt haben? König Artus, die Tafelrunde, der heilige Gral?“ Arahs Augen leuchteten für einen Augenblick. „Dass Du das weißt. Das waren Zeiten. Zeiten, in denen wir noch träumen durften. Es war alles so einfach damals.“ „Du warst dabei?“ Das konnte Lucy nicht glauben. „Ich war noch ein Kind. Spielte herum und sah zu, wie der Traum erwuchs, wie Merlin ihn mit der großen Persönlichkeit von Artus erschuf. Ob es Merlin wirklich gegeben hat? … Ich bin seine Tochter.“ Ihre Miene verdunkelte sich schlagartig wieder. „Aber es kam anders, als wir es uns vorher auch nur vorstellen konnten. Merlin wurde getötet. Von wem kannst Du Dir sicher denken?“ „Von Lilith?“ Fragte Lucy. „Ja, sie tötete ihn. Und das, ohne selber einen Finger zu rühren. Die
Verführerin pur. Aber das erzähle ich Dir ein anderes Mal.“ Sie schwieg und Lucys Blick wanderte zurück auf das Bild. Zu dem Bild einer Frau, das eine Geschichte erzählte, die um einiges größer war, als Lucy es jemals erahnt hätte. Ihr Blick fiel auf das Sonnenlicht, den aufgebrochenen Himmel über Lilith. Wie eine Einladung. „Und warum lebt sie noch?“ Fragte Lucy. Arah blickte sie verwundert an. „Wie meinst Du das?“ „Sie ist doch jetzt ein Vampir. Vorher konnte sie nicht sterben. Doch jetzt? Sie könnte sich der Sonne ausliefern.“ „Weil sie jetzt, nach all dem Leid, der Trauer und der Verzweiflung gar nicht mehr zurück will. Jahrtausende so ausgehalten und dann einfach abtreten und hoffen, dass einen der Himmel aufnimmt?“ „Und wenn er sie wieder empfing und zu einem Engel machte?“ Lucys Blick wurde verträumt bei diesen Worten. Arah musste lachen. „Nein, ganz sicher nicht. Sie will es nicht mehr. Sie hat so lange ausgehalten und dann wieder ankriechen und um Einlass bitten? Sie hat etwas anderes im Sinn.“ „Und was?“ „Rache? Vergeltung?“ „An Gott? Wie sollte sie das machen?“ „Er hat sie vertrieben, aus dem Himmel gerissen und dazu verdammt auf ewig ein Mensch zu sein. Sie will ihm jetzt genau das nehmen, was ihm so viel wert ist. Die Menschen. Es war en die Menschen die er liebte und es auch immer noch tut. Und es waren Adam und Eva, die sie haben ihre Flügel verlier en lassen. Sie wird die Menschheit auslöschen und sich an Adam und Eva, gleichermaßen wie an Gott rächen.“ In Lucy purzelte alles durcheinander. Adam, Eva, Lilith, Kain und auch Gott. Arah erg riff ihre Hand. „Ich weiß, das ist etwas viel auf einmal. Und leider ist das noch nicht alles. Du wirst es verstehen. Keine Angst.
… Komm mit.“ Arah zog sie in den Schatten des Treppenaufganges und sie schlüpften hinein.

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