Ich bin ruhig. Meine Miene ausdruckslos, unbewegt. Der Atem gleichmäßig. Doch in mir … Das ist etwas Anderes. Ein Glück, dass man es mir nicht ansieht. Viele Jahre und unermüdliches Training, haben mir die Fähigkeiten gegeben, es zu kontrollieren.

Ein glattrasierter Schädel, die schwarze Bomberjacke und Springerstiefel. Der Türsteher versucht sich nicht zu beherrschen. Er stößt mich weg, wiederholt monoton das Gleiche. Sein Chef habe ihm verboten, mich hereinzulassen. Natürlich hat er das.

Denn er sitzt da oben in der 2. Etage des Clubes. Nicht alleine. Meine Freundin ist bei ihm und lässt sich von dem vielen Geld blenden. Wahrscheinlich verspricht er ihr gerade den Himmel. Das Schlimme daran? Er konnte sich ihn wahrscheinlich wirklich leisten.

Jetzt packt der Türsteher mich am Arm, wiederholt drohend die Worte, die mich vertreiben sollen. Ich nehme nur noch Klänge wahr, Hall und verschwommene Geräusche. Die Knöchel meiner linken Hand knacken, als ich sie zusammenpresse. Schmerzhaft, sehr schmerzhaft und doch hilfreich. … Es funktioniert. Meine Muskeln, noch immer zum Zerreißen gespannt, mein Blut erhitzt und ich kann es ignorieren. Noch herrscht mein Verstand.

Ich drehe mich um und gehe. Augenpaare, die mich beobachten. Eine Schlange an Wartenden, die hinein will. Ich wurde weg geschickt, brüsk abgewiesen. Das konnten sie sehen. Aber sie wissen nicht, warum ich mich nicht zur Wehr setzte. Warum nicht ein Wort meinen Mund verließ. Und das ist auch besser so. Sonst würde vermutlich keiner mehr von ihnen leben.

Sie taten mir schon Leid. Sie waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Auf jeden Fall der falsche Club und ganz sicher die falsche Freundin, die man versuchte auszuspannen. Denn ausnahmsweise bedeutete sie mir etwas.

Ich folge der dunklen Gasse weiter.  Sehe die Ratten in Kellerlöchern verschwinden. Menschliche, die sich versteckten, auf der Suche nach leichter Beute, so wie die natürlichen Vertreter. Riechen kann ich sie alle. Spüren und wahrnehmen, wie meine Beute.

Es ist so weit. Ich blicke mich um. Keiner in der Nähe. Sie halten sich lieber an belebtere Gassen. Der Mond steht in voller Pracht am Zenit, erwacht in ungebremster Stärke. Sein Licht erhellt mich, berührt mich innerlich. Als hätte es nur darauf gewartet. Ich reiße mir die Kleider vom Leib. Sie sind unbedeutend. … Und es fängt an.

Bei meiner ersten Verwandlung war es noch schmerzhaft. Doch jetzt nicht mehr. Die Knochen brechen, meine Muskeln werden bis zum Zerreißen gespannt, mein ganzer Körper neugeformt. Es geht schnell. … Blut in meinem Mund, der Kiefer zieht und streckt sich. Meine Sicht verschwindet und alles färbt sich im bläulichen Schimmer.

Ich strecke mich, hebe das Maul zum Himmel und schicke meine Antwort zur Scheibe. Übernatürlich laut, grauenerregend schallt es durch die Straßen. Ich kann fühlen, wie sich alles versteckt. Wie das Leben, in panischem Schrecken, schon vorher meinen Weg frei gibt.

Besser für sie. Ich senke mich wieder herab auf meine Läufe, schüttel das Fell meines neugeborenen Körpers und laufe los. Sekunden sind es nur, bis ich wieder beim Türsteher bin. Gurgeln ist alles, was seiner Kehle entspringt, nachdem ich ihn begrüsst habe.

Sie laufen, die Schlange löst sich auf. Ich springe durch die Tür, reiße sie aus den Angeln. Ich weiß, ich muss nach oben.

Ich bin hungrig und werde in seinem Blut baden. Denn er hat mich herausgefordert, mein Blut zum Kochen gebracht.

Mitleid? Mit ihm? Nur am Tage und dann sehr selten. Ich bin ein Wolf und niemand stiehlt mir mein Weibchen. Nicht in dieser Welt.


Bruno Schelig

Schriftsteller, Schreiberling und kreative Seele. "Sag mir, wer ich bin und ich sage Dir, was Dein Denken Dir erlaubt. Male das Bild meiner Persönlichkeit und ich male Dir Deine Seele. Denn was Du in mir zu erkennen glaubst, ist das Spiegelbild Deiner Selbst. Meine Handlungen unterliegen nur Deinen Deutungen, Deinem Denken und dem halbblinden Augen des Betrachters, der mein Ich nur als sein Wesen akzeptieren kann."