Der Kirchturm schlägt zwölf. Das ist mein Zeichen. Ich springe auf die Mauer,
stoppe oben kurz und blicke mich um, ob ich auch nichts übersehen habe. Das Efeu
rankt um diese Jahreszeit im kräftigem Grün. Nicht, dass es mich interessieren
würde. Es verhüllt nur sehr gut meine Anwesenheit, falls doch jemand durch Zufall
hier herüber blicken würde. Natürlich tut es keiner.


Sie haben sich vor der Tür eingefunden. Gehen andächtig, mit gesenktem Kopf in
einer Schlange, Schritt für Schritt, in ihr Heiligtum. Sie sind mit dem Geist bei ihrem
Gott, dem sie in dieser Nacht zu einem weltlichen Fest, die Messe feiern. Ich springe
herunter und bin schneller, als ein Jeder von ihnen auch nur blinzeln kann, am Ende
der Schlange. Hinter mir verlängert sie sich weiter. Immer mehr reihen sich an und
folgen. Ich falle nicht auf. Auch ich habe den Kopf gesenkt. Nicht andächtig, aber in
Erwartung. Auch ich trage eine dieser braunen Kutten, die mein Gesicht und den
verdammten Ursprung verstecken.
Verdammt. So hat man mich seit meiner Erschaffung genannt. Heute Nacht werde
ich wissen, was dieser Gott von mir hält. Bin ich verstoßen worden von ihm uns
seinem Glauben? Meine Brüder fürchten sein geweihtes Wasser, seine Kreuze und
seine Vertreter. Auch ich tat es ihnen gleich. Bis mein Geist einfach rebellierte. Ich,
ewig lebend, zwar in der Nacht verdammt, sollte einem Glauben der Menschen
unterworfen sein? Einem Glauben, der in dieser Zeit keine Macht mehr besaß? Ich
erzählte keinem meiner Brüder von dem Vorhaben. Und auch das Ergebnis dieses
Versuches würden sie nie erfahren. Viele von ihnen lebten um Jahrhunderte länger
als ich. Sie hatten nie auch nur an dem Glauben gezweifelt. Aber ich war anders.
Was ich nicht erlebt hatte, was man mir nicht bewies, das glaubte ich einfach nicht.
Ein Kind meiner Zeit, wie der Älteste bei meinen Fragen immer nur antwortete. Bald
würde ich es wissen. Im Rauch unter Schmerzen vergehen oder die Grenzenlosigkeit
entdecken, die mir mein Verstand vorgab. Was mir lieber war? Verdammung für die
Bösen? Strafe für die Dämonen? Damit könnte ich leben. Oder in meinem Fall eher
sterben. Denn das wäre doch nur gerecht? Teufel in die Hölle, Engel im Himmel?
Annehmbar, wenn auch unglaubwürdig.
Sanft wurde ich von hinten angestupst. Ich fuhr erschreckt herum. Erwartete, dass
ein Mönch mit einem Pfahl auf mich wartete. Das geheiligte Kreuz in der Hand, um
mich in die ewige Verdammung zu schicken. Aber was ich erblickte, waren
freundliche blaue Augen und friedliche Züge, voll der inneren Ruhe, die bestimmt
vor mich zeigten, mit einem simplen Nicken. Ich blickte kurz in die angezeigte
Richtung und erkannte meinen Fehler. Es war eine Lücke entstanden. In Gedanken
versunken, war ich stehengeblieben. Sofort schloss ich wieder auf und erklomm die
drei Stufen zum breiten Eingang. Und dann stand ich an der ersten Hürde.
Ich zögerte nur Sekunden und führte dann meinen Fuss über die Schwelle, wie auch
ein Jeder schon vor mir. Und wie auch bei den Anderen passierte … nichts.
Ein erster Schritt. Aber noch nicht alles. Ich sah die rechte Hand meines Vorgängers
in die Steinhalterung eintauchen, die das Gift für meine Art beherbergen sollte. Und
ich tat es ihm gleich. Ich fühlte das kalte Nass an den Fingerspitzen, als sie
eintauchten und führte meine Finger zur Stirn, zur Brust und zu den Schultern. Ich
wartete auf die Schmerzen, die inneren Verbrennungen, die meinen von der Sünde
befleckten Körper in die Hölle schicken sollten. Aber selbst bei dem Kreuz, geschah
wieder … nichts.
Ein Lächeln zog sich über meine Lippen. Ich konnte nicht verhindern, dass die
Eckzähne herausblitzten, als wir uns am Kreuzgang teilten und schickte meinen
Anblick ganz bewusst und provokant zum Heiland am Kreuz. Es bemerkte niemand.
Niemand verfluchte und bestrafte mich. Jetzt war ich erst recht gespannt, was noch
weiter passieren würde. Wie auch alle Anderen kniete ich mich ungemütlich auf die
Holzverstrebung. Das dünne Polster darüber war mehr eine Illusion der
Bequemlichkeit, als dass es etwas angenehmer machte. Aber ich war bereit gewesen,
viel mehr Schmerzen auf mich zu nehmen, um meine Antworten zu finden. Da war
das hier gar nichts.
Die Messe begann, wie ich sie auch unendliche Male schon als Mensch gefeiert
hatte. Nur damals hatte ich noch an die Belohnung der Gerechten und die Strafe der
Bösen geglaubt. Ich wiederholte die Phrasen zu den passendsten Stellen und
entdeckte, dass sie genau das nur waren. Wörter, mehr nicht. Ich merkte, wie sich
Enttäuschung immer mehr ausbreitete. Fast schon hatte ich gehofft. Wenn es auch
meine schmerzhafte Auslöschung bedeutet hätte, so wäre es doch fair, … gerecht,…
gewesen. So glaubte ich. Aber ein Hindernis gab es noch zu bewältigen.
Und dann war es endlich so weit. Der Priester sprach die Worte, erhob den Kelch
und den Leib zu seinen Brüdern. Und wieder reihten sie sich ein, bereit das
geheiligte Zeichen des Glaubens zu empfangen. Ich schloss mich an. Und auch ich
empfing den symbolischen Leib des Herrn. Ich konnte ihn nicht essen. Aber ihn
lange genug in meinem Gaumen platzieren, um seine Wirkung erkennen und fühlen
zu können. Es passierte … nichts. Eigentlich hatte ich das auch nicht mehr erwartet.
Die Frage war nur, was ich daraus jetzt schließen konnte. War ich nicht verdammt?
Genauso willkommen wie jeder normale Mensch? Und das, obwohl ich so viele
Menschen getötet hatte und es für Jahrhunderte würde weitermachen? Oder hieß das
viel schlimmer noch, dass dieser Glaube keine Macht besaß? Egal über welche
Kreaturen, die ihr Heil oder Unheil trieben?
Auf jeden Fall war ich nicht aus der Hölle und alles Gute würde mich nicht
vernichten. Das wusste ich jetzt. Die Frage war nur, was ich mit diesem Wissen
anfangen sollte.
Ich blieb noch weiter sitzen, als längst das Schlussgebet gesprochen worden war und
die Mönche wieder aus der Kirche strömten. Wie auch vorher schon, mit vor dem
Oberkörper gefaltenen Händen, den Kopf in Andacht gesenkt. Schon bald war ich
alleine. Alleine an einem Ort, der seit meiner Erschaffung zur Bedrohung für mich
erklärt worden war.
„Mein Sohn. Es ist Zeit. Auch Du solltest nun gehen.“ Der Priester stand im
Mittelgang und blickte mich an. Ich hatte ihn nicht bemerkt. Schwerer Fehler, so
etwas durfte mir nicht passieren. Nicht bei einem Menschen. Ich erhob mich von
dem harten Holz und folgte der Bankreihe zum Gang. Ich verbeugte mich kurz vor
dem Priester und wollte mich gerade umdrehen, um die Kirche zu verlassen, als ich
doch nochmal stoppte.
„Gott vergibt die Sünden der Menschen. Was ist mit Dämonen? Kann einem Teufel
seine Schuld vergeben werden? Oder ist er auf ewig verdammt?“ Es rutschte mir
einfach so raus. Ich wollte hören, was er dazu zu sagen hatte.
Er kam näher an mich heran und suchte ohne Scheu meinen Blick. Er wusste ja auch
nicht, was ich wirklich war. „Gott verdammt nicht. Das tun nur die Menschen. Und
ob Teufel oder nicht, was man tut liegt alleine in der eigenen Entscheidung. Gebiert
nicht nur die zerstörerische Tat, die rein auf den Eigennutz zielt, etwas Böses? Gibt
es eine Existenz, die ohne böses zu tun, als böse bezeichnet werden kann? Das liegt
doch sehr an dem Blickwinkel der Betrachtung, nicht wahr?“
Ich musste nicken, denn irgendwie traf er genau den Kern des Problems.
„Warum willst Du verdammt sein, mein Sohn?“ Fragte er mich.
Ich suchte nach einer Antwort, suchte nach Gründen, fand aber nichts. „Man hat mit
gesagt, dass ich es wäre.“ War alles, was mir einfiel.
„Und Du wolltest es glauben?“ Ein amüsiertes Lächeln um seine Züge.
Ich zog die Kapuze herunter und ließ meine scharfen Eckzähne herauswachsen. „Sag
mir Priester, wenn ich Dich am Fuße Deines Altars töte und all Dein Blut trinke,
dann bin ich doch sicher ein Dämon. Ich trotze seinem Willen, verhöhne seinen
Glauben. Und doch wird er mich nicht bestrafen?“
Der Priester schreckte nicht zurück, er war noch nicht mal überrascht. Ein Umstand,
der so nicht sein sollte. „Keiner würde Dich bestrafen. Am wenigsten Gott selber.
Nur Du würdest Dich verdammen. Dich weiter in der Nacht verstecken und in
Einsamkeit Deiner Wege gehen. In Jahrhunderten oder Jahrtausenden würde es
unerträglich für Sich werden und Du würdest Dich der Sonne ausliefern. Es ist Deine
Entscheidung. Wähle selber.“
„Warum hast Du keine Angst?“ Ich versteckte meine Eckzähne wieder und versuchte
in seinen Geist einzudringen. Aber es funktionierte nicht.
„Weil ich Dich kenne, mein Sohn. Und Du bist nicht alleine. Ich habe Dich über die
Mauer kommen sehen. Habe Deine Zweifel, aber gerade auch die Hoffnung gespürt,
dass man Dich bestrafe. Es gibt einen Grund, warum sich unsere Wege kreuzen.“
„Du redest von Schicksal? Unter solch simple Bestimmungen falle ich nicht mehr.“
„Und doch bist Du hier. Blick zum Eingang.“
Und ich tat es. Vorne standen die Mönche von eben. Die Kapuzen hatten sie
heruntergezogen und die scharfen Zähne unserer Existenz blitzten im Licht. Es
waren Vampire.
Der Priester berührte mich an der Schulter. „Wie gesagt, es ist Deine Entscheidung.
Wir haben nur eine Regel. Du darfst kein Menschenblut mehr trinken.“ Auch der
Priester war kein Mensch, wie ich erkennen durfte. „Wenn das die Antwort ist, die
Du gesucht hast, dann schließ Dich uns an. Auch wir können in Frieden leben. Wir
sind keine Dämonen, nicht verflucht. Vielleicht nur der nächste Schritt einer
Evolution? Und dass wir eine Seele haben, weißt Du selber sehr genau. Bist Du nicht
genau deswegen hierher gekommen? Um die Erlösung zu bitten?“
Der Priester ging an mir vorbei und gab den Mönchen am Eingang ein Zeichen. Sie
verschwanden. Kurz vor dem Ausgang drehte der Priester sich noch einmal um.
„Du bist nicht der Erste, der hierher kam. Und sicher auch nicht der Letzte. Nicht
ohne Grund finden unsere Messen Nachts statt. Wenn Du Dich entschließt bei uns zu
bleiben, so nehmen wir Dich auf. Neben der Kirche ist ein großes Gebäude. Komm
dorthin und wir bereden alles weitere. Es ist Deine Entscheidung.“ Und dann
verschwand er einfach.
Ich drehte mich um und blickte zum Altar. Sah das Bild des sterbenden Menschen
am Kreuz. Ich war auf der Suche nach Antworten hierher gekommen. Bereit mich
der Strafe dieses Glaubens zu unterwerfen. Aber statt dessen zeigte man mir einen
Ausweg. Ich kniete nieder und machte das Kreuzzeichen. Als ich zum Eingang
zurück ging, wusste ich schon, was ich machen würde. Die Entscheidung hatte ich
bereits beim Überschreiten der Mauer getroffen.

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Bruno Schelig

Schriftsteller, Schreiberling und kreative Seele. "Sag mir, wer ich bin und ich sage Dir, was Dein Denken Dir erlaubt. Male das Bild meiner Persönlichkeit und ich male Dir Deine Seele. Denn was Du in mir zu erkennen glaubst, ist das Spiegelbild Deiner Selbst. Meine Handlungen unterliegen nur Deinen Deutungen, Deinem Denken und dem halbblinden Augen des Betrachters, der mein Ich nur als sein Wesen akzeptieren kann."