Die ungeschrieben Geschichte – Part 002

Er wartete darauf, dass das Funkgerät rauschen oder auch quietschen würde. Hier draußen, vor dem Lager in der kleinen Einfahrt mit den Gitterstäben, erinnerte es ihn manchmal an ein Gefängnis. Durch die Verstrebungen konnte er die freie Welt da draußen erahnen, die Menschen vorbeieilen sehen, aber er selber war hier drinnen gefangen. In Aufgabe und Last. In Pflichten und auch Sorgen und gerade den Problemen, die immer mal wieder auftauchten. Aber das war es auch, warum er gerade so gut bezahlt wurde. Er war ein Problemlöser. Jemand, der bei anstehenden Schwierigkeiten nicht die Hände über den Kopf zusammenschlug, sondern eine Lösung zu finden hatte. Und da spielte es keine Rolle, ob das Problem aus schwierigen Kunden bestand oder auch aus irgendeinem technischen Versagen, das die Maschinerie Betriebsamkeit stoppen wollte.

So richtig stellte sich die kleine Pause nicht wirklich ein. Die Gedanken kreisten und gönnten ihm keine Ruhe. Kein greifbarer Frieden, der an die grünende Wiese erinnerte, wo er im Sonnenschein die Seele baumeln lassen konnte. Aber das war er gewohnt. Er ergriff die paar Minuten zwischendurch, wissend, dass es keine richtige Auszeit war. Nur ein kurz Durchatmen, ein Verschnaufen, ein Klären der Gedanken. Das Ganze mit der Zigarette und Suchtstillung als Vorwand. Einer der Gründe, warum er von dieser Sucht auch einfach nicht weg kam. So oft er es auch schon versucht hatte. Nikotinkaugummis, das Dampfen der E-Zigarette, obwohl das auch eine Zeit lang half. Es war nicht das Nikotin an sich, dass ihn immerzu lockte. Es war die Pause alle 2 Stunden, die ihm dadurch zustand. So erinnerte dies alles an eine Selbstlüge. Er machte keine wirkliche Pause und auch das Nikotin, obwohl es den Körper danach dürstete, schaffte keine Befriedigung mehr. Aber er durfte mal durchatmen. So hatte alles seinen Sinn und seine Bestimmung. Dazu etwas Kaffee und alles fand seinen eigenen, gewohnten Platz und hatte seine eigene kleine Bestimmung in diesem Zahnrad eines unscheinbaren Lebens.

Die Uhr tickte unabänderlich weiter. Die Aufgaben wurden nicht weniger und auch die Zigarette näherte sich dem Ende. Er schnippte sie weg, nahm den letzten Schluck des noch warmen Gebräues, auf dass das Koffein im noch einmal einen Putsch gab. Aber auch das hatte seine Wirkung mittlerweile nach Jahren des Konsums bereits verloren. Man tat es trotzdem, auf Grund der kleinsten Wirkung und des gewohnten Geschmackes, auf dass alles diese unscheinbare Pause abrundete. Er brachte alles zurück in die Kantine und machte sich zurück auf den Weg in den Laden.

Vorbei an den zügig fahrenden Einkaufswagen, die scheppernd ihren Weg durch die Gänge suchten. Immer im Blick nach dem nächstem Schnäppchen, das einem erstens Vorteile verschaffte und zweitens den Gaumenschmaus, der heute Abend oder Morgen auch, von dem tristen Alltag ablenkte. Ein Moment, in dem man seinen Geschmacksnerven einmal etwas Besonderes widmete und die Explosion im Innern der Sinne, einem Orgasmus gleich kamen. Aber selten fand man genau so eine Befriedigung. Deswegen suchte man sich wie im Puzzle alle Einzelteile zusammen um sich dann eine Köstlichkeit zuhause fertigen zu können. Ihn störte das nicht. Er war doch genau so. Vielleicht waren sogar alle so? Möglich.

Er machte sich jetzt erst einmal wieder an die Arbeit.

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