Das Tagebuch des Urvampirs Kain

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Nach Euren Begriffen bin ich eine Legende. Ich liebe es, dieses Wort auszusprechen. Es hat einen Zauber, eine Macht in sich, die stärker ist als ein reiner Mythos. Aber auch das bin ich. Das zum Leben erwachte Zeichen eines Glaubens, der nicht belegbar ist. Ihr glaubt an die Sterblichkeit, die Endlichkeit jedes lebenden Wesens. Auch ich glaube daran. Doch ich falle nicht mehr unter diese groben Grenzen des menschlichen Verstandes. Denn ich bin unsterblich. Man kann mich töten, doch ist das fast unmöglich. Und umso mehr Jahrhunderte verstreichen, umso schwerer wird es. Ich bin nicht böse, nicht verdammt oder verkommen. Mein Weg ist nur ein Anderer. Abseits jeden Gesetzes, das Ihr erschaffen habt. Fern von jeder Einordnung oder mathematischen Gleichung. Ich bin frei von dem Allen. Von Gut und Böse. Göttern und Teufeln. Sinn und Schicksal. Regeln und Beschränkungen. Nichts mehr gibt es für mich. Und doch habe ich alles. Ich verstehe nur zu gut, dass Ihr Menschen dies auch besitzen wollt. Ich war in der Vorzeit, der ich entstamme, doch nicht anders. Und doch war ich nur naiv, wie ich mittlerweile erkennen kann. Oh nein, ich verurteile und beurteile Eure Wünsche nicht. Wie könnte ich das jemals. Denn ebenso bewundert und bestaunt Ihr mich, wenn es Euch gestattet ist, mich zu erleben. Werwölfe, Geister, Dämonen und Teufel. Gibt es sie? Ich habe gesehen, erlebt und begriffen. Und doch interessiert es mich nicht. Ich umkreise diese Spuren und versuche auszuweichen, wenn es nur geht. Spielen sie, was immer sie möchten. Spinnen und weben sie Netze, wenn es ihnen gefällt. Ich habe die Ewigkeit und die will ich nur als mein Reich. Fremde Mächte, andere Willen, stör en nur meinen Weg. Versuchten sie es doch, nun … es war ein Ende … für sie. Ich liebe es zu erzählen, zu schildern und nun auch zu schr eiben. Viele tun es in dieser Zeit. Warum nicht auch ich? Ich friste der Dunkelheit, der Ewigkeit und einem Blutdurst, der nie vergeht. Was ich Euch anbiete? Nichts.

Aber doch auch alles. Meine schillernde und jahrtausendalte Persönlichkeit. Ich war ein Kaiser, ein König, Priester, Gott, Teufel und Dämon. Was die Menschen wollten, das gab ich Ihnen. Und nun bin ich Dein Traum, Deine Geschichte. Folge mir in die tiefsten Schatten, die jedes Licht verdrängen und verschlucken. Was Dich erwartet? Wer weiß das schon? Ich selber nahm den Stift in die Hand, kritzelte die Zeilen mit einem modernen Füller auf den Collegeblock, unwissend über Nutzen und Ziel. Finden wir es gemeinsam heraus.


Die Sonne hat für Stunden das Himmelsdach verlassen. Dunkelheit legt sich über diese Welt und ich erwache. Aber das stimmt so nicht. Vor Jahrtausenden, als ich noch jung und neu erschaffen war, da wachte ich bei Sonnenuntergang auf. Jetzt, mit unermesslich mehr Macht, die die Jahre mir gegeben haben, bin ich bei der ersten Dämmerung wach. Ihr Menschen nehmt sie nicht wahr, könnt es nicht sehen. Aber bis zu vier Stunden vor dem eigentlichen Sonnenuntergang, dem Anbrechen der Nacht, beginnt der Tag schon seine Kraft zu verlieren. Ich könnte dann schon in die Welt treten, wenn das mein Wunsch wäre. Aber ich tue es nicht. Denn zu sehr falle ich auf. Meine blasse Haut, meine Augen und meine Haar e, mein ganzes Auftreten, würden mich als Engel erscheinen lassen. Ich könnte nicht in der Menge untertauchen, sonder n würde zum Zentrum werden. Nein, ich funkel nicht im Sonnenlicht. Und doch birgt auch dieser Glaube einen Kern von Wahrheit. Meine Augen leuchten und brechen das Licht wie Bernstein, dessen Farbe sie nun haben. Meine Haare funkeln wie goldene Seide, sobald sie ein Lichtstrahl trifft. Meine Haut ist wie polierter Marmor, elfenbeinweiß. In den Abendstunden so durch die Gassen zu streifen ist nicht sehr hilfreich, wie Ihr Euch vorstellen könnt.

Und doch kann ich wenigstens meine Haut mens
chlicher erscheinen lassen. Wenn ich mich gestärkt habe, das Blut eines Menschen trank, dann pulsiert sein Leben durch meine Adern und gibt mir ein rosigeres Aussehen. Ja, der Blutdurst. Ich habe viele Bücher Eurer Zeit gelesen. Vampir e, wie sie sich dagegen wehren und sogar Tierblut trinken. Es ist möglich, das stimmt. Und noch bis zu 800 Jahren nach meiner Erschaffung kämpfte ich selber dagegen an. Aber seit dem sind unzählige Jahrtausende vergangen und ich kämpfe schon lange nicht mehr. Wenn ich ehrlich bin, könnte ich lange Zeit auch ohne Blut überleben. Ohne Hunger, ohne diesen starken Drang. Aber ich würde auch nicht mehr unter Menschen gehen können. Unerkannt und fast ein Teil von ihnen. Und sag mir, mein lieber Leser, ist das nicht ein geringer Preis dafür? Ich muss nicht töten, um zu überleben. Ein paar Schlücke reichen schon, um meinen Ursprung zu verstecken. Ich versichere Dir, dass ich meist nur von den verdorbensten Kreaturen der Gattung Mensch trinke. Ich weiß, dass Du wissen willst, ob es noch mehr wie mich gibt. Es ist eine eigene Art von Witz, dass diese Frage immer auftaucht. Im gleichen Zug mit der Erkenntnis, was ich bin. Ist es nur die eigentliche Frage danach, ob man so werden kann wie ich? Ja, jeder Mensch kann zu einem Vampir werden. Es ist unbedeutend wie alt oder von welchem Ursprung. Selbst körperliche Behinderungen sind kein Hindernis, denn sie heilen, wenn man als Kind der Nacht wieder geboren wird. Es gibt noch mehr wie mich. Viel mehr, um genau zu sein. Doch in dieser Welt bin ich ein Einsiedler. Ich beobachte ihr Treiben, das trotz der riesigen Lebensspanne zu oft an ein menschliches Dasein erinnert. Denn im Kern sind wir auch noch Menschen, jeder nach seinem Willen und seiner Entscheidung. Es gibt Viele dort draußen, aber sehr wenige von meinem Alter. Dennoch ist der Ursprung nicht der Gleiche. Es gibt verschiedene Wege, wie dieser Fluch in die Welt kam, wenn man ihn denn trotz der Möglichkeiten so nennen will. Welcher wahr ist und welcher nicht, kann auch ich nicht immer sagen. Aber ich weiß, dass diese Vampire hier in Deiner Welt anders sind. Ihre Macht zeigt sich auf andere Weise und doch sind wir uns ähnlich. Bei keinem hier sah ich diese Verbindung zu den Schatten, wie sie aus meiner Linie hervor geht. Es gibt viel mehr meiner Art. Und dennoch sind sie nicht hier. Ich müsste Dir viel erzählen, mein lieber Leser. Viele Mythen erschaffen und sie ebenso zerstören, damit Dein menschlicher Geist für die Wahrheit bereit wäre. Ich merke, wie sehr mich dieser Gedanke reizt, auch Dir meine Geschichte zu erzählen. Die Fäden zu spinnen, die meiner Erschaffung zu Grunde liegen. Aber es ist eine vollkommen andere Welt, als Du gewohnt bist. Ich müsste Dir erst Illusionen erschaffen, Momente beschwören, damit Du es wirklich fühlen kannst. Soll ich es tun? Ich hadere noch mit mir, denn es wird schmerzhaft. Die Erinnerungen werden Punkte in mir berühren, die fest an meinen menschlichen Kern geknüpft sind. Ich will es und doch kann ich es noch nicht. Aber bald, versprochen. Du wirst meine Wahrheiten erfahren. Aber Vorsicht, nicht alles ist wahr, muss es nur für einen Moment sein, damit es Dein Begreifen und Umdenken er möglicht. Ich werde mit Dir spielen, verhüllen wer ich bin und woher ich komme und doch auch aller erzählen. Es ist eine Reise durch die Welt der Illusionen. Erst am Ziel wirst Du alles überblicken können. Sei also gewarnt, doch fürchte Dich nicht.


Wie verbringt man die Ewigkeit? Stell Dir vor, Du wärest unsterblich. Ich weiß, dass Du Dir Vieles vornehmen würdest. Es gibt so Viel, dass Du in Deiner menschlichen Begrenzung nicht schaffen kannst. So viel, was Dir nicht möglich ist zu erleben. In Geschichten passiert immer etwas. Teufel, Dämonen und Geister, die die Welt heimsuchen. Eine Liebe, die den Kampf dar um in die Unendlichkeit zieht. Die Wahrheit? Alles geht vorbei. Aber Du wirst noch da sein. Für immer. Mit gewissen Einschränkungen, aber frei. Was macht man also? Was würdest Du tun? Alle Geheimnisse er gründen? Alles Wissen sammeln? Dafür verschwendet man die ersten Jahrhunderte. Dann hat man alle Antworten. Sicher, es gibt unendlich viel Wissen da draußen. Und interessiert es einen wirklich, so wird man es alles aufnehmen. Der Verstand meiner Spezies arbeitet schneller. Ich lese, begreife, verstehe und entwickle weiter, in rasender Geschwindigkeit. Und dann? Wenn Du alles gesehen, alles erlebt und verstanden hast, was machst Du? Vergessen wir einfach mal, dass es desillusionierend ist, alles zu begreifen. Wie alles zusammenführt, die Netze und Gedanken verwoben sind und nur die immer gleichen Neubildungen zulassen. Sicher, in Variationen und Unterschieden, aber im Grunde doch nur gleich. Was einem bleibt, wäre Verdammung. Man könnte sich verstecken. In der Nacht, in den Schatten und die Menschen beobachten. Man könnte bedauern, was man verloren hat. Die Sterblichkeit, die Intensität eines kurzen Zeitraumes und das eigene Schicksal. Denn am Ende überlebt man einfach alles. So zweifelhaft sich das auch anhört, diesen Weg geht jeder Vampir. Wenn der Anfang vorüber ist, das Hochgefühl der Macht und die übergr oße Palette an Möglichkeiten abebbt, dann ist man leer. Du siehst Dich selber als blutsaugendes Monster, schmerzerfüllt tötest Du Deine Opfer und fühlst nur noch ihr e Pein. Viele überleben das nicht. Es ist zu viel für sie. Der einfachste Weg ist der in die Sonne. Ander e ruhen für Jahrzehnte oder Jahrhunderte und erheben sich dann wieder aufs Neue. Was es bedeutet unsterblich zu sein? Ein Geheimnis zu besitzen, dass Du niemals teilen darfst. Kein Mensch darf jemals erfahren was Du bist und was Du schon alles erlebt hast. Tust Du es doch, so wirst Du Dich entscheiden müssen ihn zu töten oder ewig leben zu lassen.

Nein, ich glaube nicht mehr an Moral und Verantwortung. Genauer gesagt, unterliege ich diesen simplen Größen nicht mehr. Was ich tue ist alleine meine eigene Entscheidung und bestimmt, was für Gedanken mich in meiner Ruhe stören. Das simple Geheimnis, wie man ein untotes Dasein verbringt, ist zu leben. Man taucht in den normalen Strom der Menschen ein. Du lässt Dich anstecken, beobachtest nicht aus der Fer ne, sondern bist mitten drin. Und ehe Du Dich versiehst, ver gisst Du, wer Du bist und woher Du kommst. Einige unserer Gaben erleichter n das. Sie gestatten uns tr otz des Wissens und der Erlebnisse einen willentlichen Schnitt, der einen Neuanfang ermöglicht. Immer nur für einen kurzen Zeitraum, denn alles kommt wieder. So oder so. So verbringt man die Unsterblichkeit. Für kurze Zeiträume wir man wieder sterblich. Man fühlt und erlebt nur viel intensiver und lässt sich von den Menschen mitreißen. Aber wenn die Zeit gekommen ist, muss man gehen und woanders wieder neu anfangen. Und man tut es, immer und immer wieder. Ein kleiner Preis für die Ewigkeit und doch wird er immer schwerer.


Viele Mythen ranken in Eurer Zeit durch Sagen und Geschichten. Die große Frage, wie man einen Vampir töten kann, was ihn schwächt. Fließendes Wasser, Eisenkraut, Holzpflöcke, Silber und das Kreuz. Das alles kann helfen und doch muss es das nicht. Es hängt ganz einfach vom Vampir selber ab. Wir sind übernatürliche Wesen und als das kann uns nichts Natürliches schaden. Es sei denn, wir glauben es. Wir, mit unserem eigenen Wissen, erschaffen Schwächen, da zu große Macht auch wieder zu einer Last wird. Die Wahrheit ist, dass nur die Sonne uns schadet. Einen Neugeborenen tötet noch fast alles. Er besitzt noch zu viel Sterbliches in sich. Aber mich?
Mich kannst Du nur aufhalten, wenn ich es Dir gestatte. Es ist verständlich, dass Ihr das wissen wollt. Verstehen zu müssen, dass es etwas gibt, wogegen Ihr Euch nicht wehren könnt, erzeugt Hilflosigkeit. Und ich weiß, dass es das zweite Übel neben der Sterblichkeit ist, gegen das Ihr alles in Eurer Macht stehende tut.


Es ist Wochenende. Nicht, dass mir diese Einteilung noch etwas bedeuten würde, aber sie mach doch so viel in Eurem Leben aus. Und diesmal habt Ihr es noch besser getroffen. Es fällt zusammen mit einer Reihe an Feiertagen. Ihr nennt es Ostern. Ich könnte mit Wahrheiten und Weisheiten zu diesem Fest, zu dem Thema Auferstehung, kommen. Auf meine eigene Weise könnte ich es anders schildern, als Ihr es kennt. Wenn ich wollte, sogar an Eurem Glauben rütteln. Aber ich bin nicht Euer Lehrer. Die Umstände schildern nur den Rahmen, in dem ich die Nacht vorfinde. Aber es ist nicht die Nacht, die sich geändert hat. Es sind die Seelen, die vermehrt hindurch eilen. Teils auf der Suche nach unendlicher Feier oder auch auf einer Rückkehr von missglückter Suche nach etwas Anderem. Der Suche nach Hoffnung. Sie gingen mit gesenktem Kopf, meist ohne Alkohol und hingen ihren Träumen nach. Alleine stiegen sie in die Bahn oder eilten gedankenversunken durch die Gassen. Sie hatten keine Angst auf so ein Wesen wie mich zu treffen. Denn eigentlich hofften sie genau das zu finden. Ein Etwas, das ihnen zeigen konnte, was sie verloren haben. Einen Sinn? Antworten auf die vielen Fragen? Das große Warum? Der Traum von der unsterblichen Liebe? Nur deswegen machten sie sich auf den Weg in die Stadt. Im Grunde ist das, was einem die Unsterblichkeit erträglich macht, genau das, was ein Menschenleben füllt. Und es kommen keine Antworten mit der Zeit, sondern auch die Fragen bleiben. Und dennoch wünschen die Menschen sich die Unsterblichkeit als Weg zu den Antworten, genau dort, wo sie gar nicht dienen kann.


Willst Du mit mir eine Reise antreten, dessen Ende Du nicht erahnen kannst? Willst Du Deinen Glauben verlieren, Neuen gewinnen und Mythen Kraft verleihen? Ein Reich der Schatten betreten, das doch so sehr der Helligkeit gleicht? Ich verspreche Dir nichts und gebe Dir doch alles, was die Ewigkeit mir er möglicht. Dein Zweifel, Dein versuchtes Erkennen und Begreifen, werden meine neue Nahrung sein. Nicht flüssig, nicht blutrot und voller Leben, aber genauso mächtig und lebendig. Nun ergreife meine Hand und gib Dich mir hin.

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