Battlechess

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Wie im Zeitraffer sehen wir die Wolken über den Himmel ziehen. Es wird Tag, die Sonne prächtig am blauen Himmel. Die Zeit vergeht. Ein Häschen, das aus dem Wald hoppelt. Es knabbert einen Halm der prächtig grünen Wiese an, hebt kurz seine Nüstern in den Wind und schnuppert. Wild fegen ihre Schnurrhaare durch die Umgebung, die Nasenflügel geweitet und zusammengezogen. Fast befriedigt, macht sich das kleine Kaninchen auf den Weg über die Wiese. Vergnügt spannt es die Hinterläufe wie eine Feder, schnellt in die Höhe und vollführt einen Seitwärtssprung. Es ist alleine und niemand beobachtet es. Es geht weiter über diese breite Fläche in Mitten des Waldes. Einer Oase gleich, doch nicht von Palmen umrandet. Dunkelheit, Dickicht und hohe Bäume zäunen ein. Das Häschen verschwindet darin und nichts mehr erinnert an sein Erscheinen. Die plattgedrückten Grashalme erheben sich wieder. Nur der Himmel war Zeuge und er wird schweigen. Der brennende Planet am Himmel. Glühende Lava, Explosionen der Hitze, zur Kugel geformt, in weiter Ferne und doch so nah, folgt seinem vorgeschriebenen Pfad. Er verschwindet aus unserem Blickfeld, die Nacht bricht herein. Ihr eigener Planet der Reflektion, kalt und grau, fast silbrig, steht nun am dunklen Himmel. Aber noch etwas gebiert die Nacht aus dem finstersten Schwarz. Nicht von dieser Welt. Ohne Heimat, ohne Ursprung, so scheint es. Die Schatten selbst erwachen zum Leben. Weich und sanft streichen sie schneller als der Wind über die Baumwipfel und … verharren. Still, regungslos im dichten Blätterdach, warten sie. Blaue Augen, unscheinbar leuchtend, wie die Fenster zur tiefsten Nacht. Kreaturen, mit schwarzer Haut bedeckt. Ein Haupt ohne die Spuren von verräterischen Haaren, keine Ohren und doch, ein Mund. Für eine Sekunde wird uns ein Blick unter die schwarzen Lippen gegönnt. Reißzähne, scharf geschliffen wie Dolche. Dann nur noch Stille. Kein Atem, kein einziger Muskel, der nicht gespannt ist. Klingen, Schwerter und Messer an den Körper gepresst. Diese Kreaturen warten. Wie die Schatten, nicht aufzuspüren und dennoch immer da. Ruhig, zu ruhig scheint es. Die Stille eines Grabes, die sich erhebt.

Aber wo sind die Leichen? Die ruhenden Geister, in Ewigkeit verdammt? Wie als Antwort erbebt die Erde. Weit entfernt walzt eine Schlachtformation durch den Wald. Hufen, die sich in das Erdreich graben. Das Schnaufen der vor Kraft strotzenden Tiere. Edel und anmutig. Entfremdet ihrer Natur, tragen sie Eisen auf der Stirn. Ihre Reiter? Ein Horn, das in die Weite heraustönt. Das Banner eines leichtsinnigen Kaisers in die Höhe gestreckt. Das Schwert in der Scheide, das Schild zur Linken. Eine harte Miene unter dem Helm, zusammen gekniffene Lippen. Sie sind entschlossen den Willen ihrer Führung zu verbreiten. Am liebsten mit Gewalt. Denn dafür sind sie seit dem Knabenalter ausgebildet worden. Sie durchreiten die magische Grenze an Bäumen und halten auf der Wiese. Die Schatten im Blätterdach schweigen. Denn dafür sind sie nicht da. Sie warten auf einen ebenbürtigen Gegner. Die Reiter, 300 an der Zahl, durchreiten den Platz. Sie suchen auf der offenen Fläche und finden doch nichts. Ein erster erhebt das Wort: „Es ist keiner hier.“ Ein Zweiter antwortet: „Sie kommen. Die Vögel haben es gezeigt.“ Ein anderer Glaube, dem sie gefolgt sind. Doch ist es Schicksal oder Leichtsinn? Ihre Götter werden es ihnen zeigen, als Lohn für die Ergebenheit. Nur für den Hauch einer Winzigkeit verdunkelt sich ein Fleck am Waldrand. Verdichtet sich, färbt sich schwarz und gebiert ein Wesen. Rotflammende Augen, eine marmorfarbene Haut ohne den geringsten Makel, weiße lange Haare mit einer goldenen Brosche zusammengehalten. Eine schwarze Rüstung mit Stacheln auf den Schultern und ein prächtiges Schwert in der Scheide. Wir kennen das Wesen, sind ein Stück des Weges mit ihm gegangen. Die Reiter nicht. Sie sprengen in Pfeilformation zum Vampir und begrüßen ihn mit gezogenen Schwertern. Aber Kain reagiert nicht, wie sie es erwartet hätten. Vielleicht auch ein geheimer Wunsch, der nicht erfüllt wurde? Kain schreckt nicht zurück, kein Schritt zur Flucht. Kein Wanken im festen Stand angesichts dieser Übermacht. „Ihr solltet verschwinden.“ Die Männer hören die Worte des Vampirs und reagieren dennoch nicht. Sie lassen die Schwerter in die Scheiden gleiten. Keine Gefahr, wie sie denken. „Wenn ihr leben wollt, dann erst Recht. Geht zu eurem sterbenden König. Schmaust am Hofe, solange ihr es noch könnt. Doch hier findet ihr nur den Tod.“ Wieder Kains Worte und diesmal antworten die Männer mit Gelächter. Uns erscheint es wie Dummheit, den Männern nur als offensichtlicher Witz. Wir warten und wissen, dass etwas passieren wird. Die Männer stehen zur Schlachtbank bereit und lachen dem Tode zu. Und wirklich. Kain handelt. Doch sieht man es nicht. Vielmehr verschwindet er und seiner statt, sehen wir schwarzen Nebel, der in das Erdreich sinkt. Die Männer, noch immer ahnungslos, blicken sich nur verwundert um. Dann, die Zeit gefriert und wir sehen seine Abbilder. Wie schon zuvor, die Krieger, die doch nur einer sind. Vermehrt im Pakt der Schatten zu 300. Ein jeder der menschlichen Krieger bekommt ein eigenes Abbild der Kreatur. Die so vermehrten Vampire greifen, packen und berühren. Aber nicht ihre Schwerter. Sie greifen in das Innerste der Menschen und berühren den magischen Kern. Ein Begriff? Die Seele würden wir es taufen. Wie das Splittern des Kristalls, der der Hitze ausgesetzt wird, verflüchtigt sich die gefrorene Gegenwart und wird zur Zukunft. Kain steht wieder als Einziger am Waldrand. Die 300 Krieger? Sie wussten es nicht. Ahnten nicht, dass sie mit dem Teufel selber kämpfen wollten. Er verschonte ihre Seele, wie sie erkennen und im begrenzten Verstand begreifen. Keiner lacht, keiner zieht sein Schwert. Augen, in Panik geweitet. Eiseskälte in den Eingeweiden, bleibt ihnen nur eine Wahl. Keine Formation, die in die Wälder sprengt. Keine Krieger im Angriff des Übels. Männer in Todesangst, die nur fliehen können. Schneller und ohne den Gedanken an Ehre, sprengen sie davon. Sie durften leben und dieses wollen sie sich erhalten. Kein Gedanke warum. Sie fliehen davon. Mehr nicht. Wir folgen ihnen mit dem Blick. Über Flüsse, Stein und ausgetrampelte Pfade geht es. Selbst auf Entfernung, die Sicherheit geben sollte, zügeln sie ihr Tempo nicht. Die wilde Abnormität der Natur erhebt sich. Reißzähne, glühende Augen und Nüstern, die die Spur der Opfer schon aufgenommen haben. Scharfe Klauen, muskulöse Körper und ein nicht zu stillender Hunger. Wölfe, übergroß in der Statur, springen zwischen den Bäumen hindurch und reißen die Fliehenden von den Pferden. In Blut ertränkte Schreie, in Todesangst verzerrte Glieder. Sie alle fallen. Mensch und Tier. Zu plötzlich kam der Angriff. Werwölfe, unter der Führung einer unscheinbaren Frau, die sie zur blanken Vernichtung antreibt. Wir wenden uns ab. Zu schrecklich, zu endgültig dieses Massaker, das kein Mensch überleben wird. Schwarze lange Haare, die wild ihr Haupt umwehen, als sie dieses kleine Heer umrundet. Sie stolziert, die grauen Augen blitzen vor Freude. Sie genießt diese Endgültigkeit, die Übermacht, die ihr dient. Nicht weit entfernt eine junge Frau, die sich zwanghaft ablenkt. Flammen tanzen über ihre Finger. Krampfhaft konzentriert sie den Blick aus den braunen Augen auf das magische Schauspiel. Auch sie verbreitet nur zu gerne Leid und Elend. Aber nur, wenn es sein muss und der Gegner sich wehrt. Sie scheint ein Kind und doch sehen wir in ihr eine Haltung und ein Verständnis, das erst mit den Jahren kommt. Sie wagt es nicht, Lilith zu widersprechen. Nur zu genau weiß sie, dass sie ebenso leichtfertig geopfert würde, sollte sie nicht mehr gebraucht werden. Kain, nicht weit entfernt, immer noch am Waldrand, weiß davon nichts. Er hat die Menschen vertrieben, ihr Leben gerettet, wie er denkt. Hinter ihm, noch zwischen den Bäumen, tut sich etwas. Gestalten, noch von Schwarz durchzogen, entspringen dem Nichts, wie es scheint. Ein loderndes Feuer in den übernatürlichen Augen, weiße Haut, in der Nacht selber glänzend. Seine Krieger, untot und so viel mächtiger. Kain dreht sich nicht um. Die Krieger gehen an ihm vorbei, nehmen Stellung und bilden die Schlachtformation. Ohne Regung warten sie. Aber nicht sehr lange. Denn bald wieder Hufen und schweres Stampfen, das durch den Wald fegt. Eine Frau an der Spitze. Schwarze Augen, goldene Haare und entschlossen, den Feind zu stellen. Sie verharrt am Waldrand und, wie nach einem stummen Befehl, greifen ihre Krieger an. Sie springen von den Pferden und überwinden die kurze Entfernung. Schwerter, die aufeinander prallen und Funken, die in die Nacht springen. Ein Zischen, manchesmal ein Gurgeln, das die Wesen des Kampfes hinfort schicken. Kein Blut, keine Asche und kein glühendes Auflodern, das dieses Kräftemessen unterbricht. Die Kämpfer, unterschiedlich der Parteien, sind sich ebenbürtig. Es wird dauern, vielleicht in Ewigkeit, bis ein Heer aufgibt. Kain und Synthia wissen das. Keiner von ihnen ist verwundert. Sie müssen um die Entscheidung kämpfen. Und sie sind bereit dazu. Der Wind, urplötzlich nimmt er zu. Er treibt zusammen, wie die Schafe einer Herde. Dicht zusammen gepresst, bilden die Wolken am Himmel eine Decke. Die Nacht, so dunkel, wird noch schwärzer. Es grollt, noch weiter entfernt, wie das Knurren eines tollwütigen Hundes. Dann, ein Strahl aus gleißendem Licht, der in die Erde fegt. Die Wolken antworten und schütten ihre Last über die Erde. Plätschernd, unnachgiebig, sucht sich das Wasser den Weg zur Erde. Nur kurz und alles ist überzogen von einem glänzenden Film. Synthia springt vom Pferd. Quietschend gibt das Gras nach, als sie federleicht landet. Die Kapuze gleitet nach hinten und uns blickt die Maske eines Dämons an. Bezaubernd und erschreckend zugleich. Sie zieht ihre zwei Klingen unter dem Umhang hervor. Der andere Dämon, im Auftreten ebenbürtig, überquert die Wiese, zieht auch sein Schwert und verharrt nur ein paar Meter vor ihr. Zwei, die kämpfen werden. Zwei, die überleben wollen. Zwei, mit der Macht ihrer Quelle. Aber nur einer, der siegen kann. In Mitten des Feldes tobt der Kampf. Krieger fallen, verletzt durch die tödlichen Hiebe. Sie sterben zu beiden Seiten und erheben sich wieder. Die Vampire immer wieder neugeboren aus den Schatten. Das unsterbliche Heer zurückgeholt durch den Fluch einer Hexe. Beide Seiten haben ihren Pakt. Ob sie kämpfen oder nicht. Keiner wird endgültig sterben. Es sind unzählige Wasserperlen, die ihren Weg auf die Erde finden. Aber nur einer, der in voller Größe in unser Blickfeld gerät. Er fällt in Wahrheit viel zu schnell, als dass wir ihn beobachten könnten und doch wird es uns ermöglicht. Er berührt Metall, wird zur Hälfte hinweg geschleudert. Mikroskopisch kleine Spritzer, die in alle Richtungen fliegen. Dann, sie stehen in der Luft. Eingefroren, angehalten und vereist. Aber es wurde nicht ihre Temperatur geändert, eher ihr Bestand in der Zeit. Die Zeiger jeder Uhr stehen still. Wie ein Vakuum legt es sich über diese Welt. Die Umgebung ausgeschlossen. Jede Menschlichkeit und deren Frucht in Starre. Aber in mitten dieses Feldes, weit und breit ist nichts davon zu finden. Schwerter prasseln aufeinander. Hiebe, die selbst die Tropfen in der Luft zu zerteilen scheinen. Nur zwei Größen bewegen sich in verlangsamter Zeit noch immer fast zu schnell für jedes natürliche Auge, geknechtet an eine Lebenszeit. Ein Hieb zum Haupt. Der Gegner sinkt zu Boden, wehrt ab und schlägt selber zu. Schwerter gekreuzt zum Himmel erhoben im unerbittlichem Duell. Kain schlägt von der Seite zu, Synthia, nur eine Drehung, und der Versuch von hinten die Schwäche des Gegners zu finden. Ihr Angriff schlägt fehl, denn Kain ist jetzt hinter ihr. Ein Hieb von oben, im Sprung und Synthia wehrt mit einem Schwert ab, das Andere auf dem Weg zur Kehle. Kain springt erneut, wie in der Luft liegend, vollführt er eine Drehung und landet elegant. Und doch zieht auch er Spuren, diesmal noch in der Hocke zu ihren Füssen. Sie sieht es kommen. In dem nur winzigen Augenblick, wo sie das Schwert treffen soll, erhebt auch sie sich in die Luft. Sie steht auf seinem Schwert, verharrt nicht, tritt zu und im gleichen Moment, in dem sie die Balance verliert, zieht ihr Schwert zu seinem Kopf und trifft. Kains Augen, noch lodernd vor Glut, wirken überrascht. Blut quillt aus seinem Hals. Zu schnell, als das es heilen könnte. Das Schwert entgleitet seinen Fingern und er sinkt zu Boden. Synthia beobachtet lauernd und abwartend. Ihr Atem drückt und hebt die Brust unter dem Umhang. Sollte das ein Ende gewesen sein? Sie wartet darauf, dass er sich auflöst, verbrennt und für immer von der Erde verschwindet. Er liegt am Boden, regungslos. Aber Synthia traut dem nicht. Sie geht auf ihn zu, umkreist ihn sehr vorsichtig. Sie senkt erneut blitzschnell die Schwerter, um ihm den Kopf ganz abzutrennen. Wir warten darauf, dass er sich erhebt. Denn schon berührt die Schneide sein Haupt und landet in der Erde. Durch ihn hindurch. Sein Ende. Es kann nicht mehr anders sein. Synthia steckt die Schwerter weg und berührt seine Leiche. Die scheint ein wenig enttäuscht. Das war alles? Ihr soll es recht sein. Sie hat gewonnen. Jetzt ist sein Heer dran. Sie wendet sich ab, um ihren Kriegern beizustehen. Hinter ihr, der Körper des mächtigen Dämons, er löst sich auf. Wir haben es nicht anders erwartet. Doch tut er es nicht glühend. Ohne Licht, ohne Geräusch, verliert er seine Form. Aber er ist noch da. Wie schwarzer Nebel in mitten den von Wasser getränkten Halmen. Synthia zögert und fährt herum. Irgendetwas stimmt nicht. Sie kann es spüren. Dann schießt es vom Boden hoch und legt sich um sie. Sie schlägt, zieht die Schwerter, doch hat sie keinen Gegner mit Körper. Sie ist hilflos und spürt den Angriff. Nicht körperlich, viel tiefer geht er. Dieses Nichts, diese schwarze Existenz, umspült sie und sinkt dann in diesen Körper ein. Sie gurgelt, sie versucht zu schreien. Zu tief die Berührung. Zu fremd. Zu kalt. Dann fällt sie zu Boden. Sie kann sich nicht wehren. Nicht gegen so einen Gegner. Eine Stimme in ihrem Kopf. „Ich muss Dich töten und doch brauche ich Dich. Für eine Ewigkeit werden wir eins sein, bevor wir uns wieder trennen.“ Es sind Worte, die sie nicht versteht. In ihr breitet es sich aus. Ein innerer Kampf, der erst keine Spuren nach Außen trägt. Und dann, im Nebel verdichtet, schwarz und undurchdringlich, liegt der Körper am Boden. Wir können erst nichts erkennen. Die schwarze Existenz, fast auch Wesenheit, verschwindet und der Körper erhebt sich wieder. Eine schwarze Rüstung, rot glühende Augen, ein weißer langer Zopf. Es ist Kain, der sich wie aus Synthia selbst gebildet zu haben scheint. Sie ist verschwunden. Nun fallen auch ihre Krieger. Nicht getötet, nicht verwundet. Sie lösen sich einfach auf und sinken wie Staub zu Boden. Kain bückt sich und hebt das magische Schwert vom Boden auf. Wie nebensächlich gleitet es in seine Scheide. Es ist kein ebenbürtiger Gegner mehr hier, mit dem er sich messen kann. Das glaubt er. Erneut hört man es in den Wäldern ringsum. Trippelnde Füße auf nasser Erde, die sich platschend den Weg suchen. Aber noch mehr, Knurren, ein Grollen, wie es nur die Hunde der Unterwelt zustande bringen. Kain stockt, legt die Hand bereit auf den Schwertgriff. Was auch immer da kommen mag, es ist tierisch und doch natürlich. Sie springen aus den Wäldern, das geifernde Maul vor Gier geweitet. Sie jaulen, sie rufen zum Himmel und umkreisen das Heer der Vampire. Heißer Atem, der die Luft in Wolken ausstößt. Nüstern, weit geöffnet um jeden Geruch aufzunehmen, den die Beute in der Flucht von sich lässt. Sie hungern und gieren nach Fleisch. Ob Mensch oder Kreatur einer Hölle. Es ist ihnen egal. Ein Hunger treibt sie an, nach Fleisch, nach Blut, aber nicht nach Sättigung. Sie wollen zerstören, zerfleischen und im Blute baden. Sie umkreisen die Vampire nur, greifen nicht an. Das untote Heer, belagert und umzingelt, wankt nicht. Sie halten die Formation. Wie auch zuvor, werden sie kämpfen. Denn dafür leben sie, nur dafür wurden sie neu erschaffen. Angst? Von den tiefsten Schatten gezeichnet, besitzen sie solch menschliche Regungen nicht mehr. Jetzt kommt auch eine Frau zwischen den Bäumen hervor. In Begleitung eines viel zu jungen Menschen für so einen Ort. Lilith, wie Kain erkennt. Sie läuft, in fast panischem Entsetzen. Eile, die sie antreibt und die Worte, von beschleunigtem Atem blockiert, hinaus wirft: „Im Kreis … Deine Krieger, im Kreis.“ Sie kommt näher, bleibt stehen und kämpft um Ruhe. Es dauert einige Minuten, dann ist die Hetze aus den Fasern ihres Körpers verschwunden. Sie spricht erneut, diesmal besser gewählt: „Kain. Deine Krieger müssen sich im Kreis aufstellen. Die greifen gleich an. Von allen Seiten.“ Kain versteht nicht und gibt dennoch den Befehl. Die junge Frau, die mit Lilith kam, spricht Formeln, hebt die Hände zum Himmel, ihre Augen färben sich weiß und sie beschwört. Kain ist verwundert. Er packt Lilith am Arm: „Was geht hier vor?“ Lilith sucht mit ihren Blicken die Umgebung ab. Fragt: „Du hast sie besiegt?“ „Hast Du daran gezweifelt?“ Antwortet Kain und kann nicht umhin zu bemerken, dass sie nicht geantwortet hat. „Wie? Ich hatte so Einiges vorbereitet, damit Du es wirklich schaffen kannst. … Du aber hast sie alleine besiegt? … Das ist unmöglich?“ Stammelt Lilith aus der Fassung gebracht. „Du solltest mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten haben. Hast Du vergessen wer ich bin?“ Antwortet Kain. Lilith schweigt, sucht die Umgebung weiter ab, als versuche sie ein Geheimnis zu entdecken, das dort Spuren hinterlassen haben könnte. Dann wendet sie sich an die junge Hexe: „Bereit?“ Aber diese antwortet nicht. Im Raum zwischen ihren Armen springt es hervor. Eine Masse ohne Existenz. Gleißendes Licht, hell und klar, das sich wie von selber fortbewegt. Die junge Hexe breitet die Arme aus, das Licht weitet sich und bildet eine Oberfläche in der Luft selber. Wie ein Film zieht es sich hinüber. Ein Blick hindurch, zeigt uns Berge und Landschaften mit Schnee bedeckt. Ein anderer Ort, getrennt aber verbunden durch diese Magie. Die Hexe spricht: „Ein paar Augenblicke nur, dann schließt es sich wieder. Wir sollten gehen.“ Und sie gleitet hinein, kommt aber auf der anderen Seite nicht hinaus, sonder hat die Reise in eine andere Welt angetreten. Lilith will ihr folgen, zieht Kain mit, doch dieser bleibt stehen. Er dreht sich weg von ihr, hört ein sirrendes Geräusch und blickt zum Waldrand. Noch kann er es nur schwach erkennen. Es ist schnell und treffsicher sucht es sich seinen Weg. Eine goldene Spitze, scharf geschliffen, Diamanten am Knauf und in Gold gefasstes Holz als Griff. Ein Speer, der pfeilgerade über die Wipfel der Bäume schnellt und in das Erdreich vor den Vampiren und Wölfen fährt. Kain zieht sein Schwert. Er weiß, dass da noch ein Gegner kommt. Er wird nicht fliehen. Er wird kämpfen. Lilith verkrampft ihren Griff an seinem Arm noch mehr. „Nein. Das darfst Du nicht. Du wirst sterben. Glaub mir. Selbst Du kannst das nicht überleben. Keiner kann das. … Ich brauche Dich. Kämpfen kannst Du später noch. Bitte.“ Lilith spricht bettelnd, Tränen in den Augen, denen niemand widerstehen kann. Auch Kain nicht. Und so folgt er ihr durch das magische Portal. Hinter ihnen schließt es sich, als wäre es nie da gewesen. Wir können uns denken, dass es eine Rettung für sie war. Aber wovor? Der Speer, so machtvoll funkelnd in dieser Nacht, steckt tief eingegraben in der Grasnarbe. Die Welt scheint zu reagieren. Der Himmel bricht auf, die Wolken vertrieben von einem Sturm, der aber sofort wieder abflaut. Wir können es spüren. Irgendetwas geschieht.
Aber was? Dieser Speer ist keine Waffe. Er ist nicht zum Kämpfen gedacht. So machtvoll verziert, so prächtig ausgestattet, erinnert er an eine Opfergabe. Ein Weihewerkzeug, wie es in dieser Welt nicht mehr zu finden sein darf. Er ist alt. Sehr alt. Entstammt einer Zeit, wo Gegenstände, besonders mächtige Gegenstände, noch Namen trugen. Sein Name war Gungnir. Wir wissen es nun. Wissen, dass diese Waffe in der Hand des obersten Gottes war, bevor er diese Welt verließ. Die Wölfe und Vampire können es nicht wissen. Sie wurden gezeichnet, ihre Seelen einem alten Gott versprochen. Ein Opfer, das einen Lohn bedeutet. Aber nicht für sie. … Nicht weit entfernt raschelt der Wind durch die Blätter. Es ist wie ein Flüstern, die Stimme einer Natur. Die Leichen der gefallenen Menschen des Königs regungslos am Boden. Aber es herrscht kein Wind. Die Blätter bewegen sich nicht. Es ist ein Flüstern, so leise und in einer anderen Sprache, die wir nicht verstehen können. In einer anderen Stufe der Existenz, unsichtbar für menschliches Augenlicht, findet ein Zwiegespräch statt. Die Seelen der Gefallenen, sie stehen nun. Unsichtbar und doch anwesend. Sie blicken auf eine Erscheinung. Leuchtend, voll des innerlichen Glanzes, der ihr das Auftreten eines Engels ermöglicht. Ein langes Fell, gelockt in goldenem Blond, das ihr wie ein Kleid bis zur Taille herunterhängt. Eine Kriegerin mit mächtigem Schild und goldenem Panzer auf der fast nicht zu bändigen Brust. Sie spricht im Singsang, becirct die Seelen und macht ihnen ein Angebot. Nun passiert es auch in der weltlichen Ebene. Die Körper der Toten erheben sich wieder. Menschen, in einem Glauben gestorben, im Anderem wiedergeboren. Aber menschlich sind sie nicht mehr. Und untot ebenso wenig. Sie erheben sich mit neuen Waffen, Äxten und Schwertern, so breit, wie die Bäume um sie herum. Ihre Körper verändert, voll der strotzenden Muskelkraft. Sie scheinen gewachsen und der menschlichen Rasse entwichen. Ein Bärenfell auf dem Haupt, die Rüstung straff gespannt und die Augen nur leicht im gelben Glanz. Sie zögern nicht, sie denken nicht. Sie haben nur noch einen Impuls dem sie folgen. 300 Wesen, eine Masse in Bewegung, mit neuer Macht ausgestattet, die sie zu eins werden lässt. Als Menschen wichen sie aus. Nun müssen sie das nicht mehr. Keine Schmerzen, nur eine unbändige Wut, einmal erwacht, nie mehr zu stoppen. Die Bäume auf ihrem Weg, sie fallen. Eine Schneise, die die Zerstörung durch den Wald zieht. Die Wölfe werden unruhig. Sie fletschen die Zähne, knurren und schaben mit messerscharfen Krallen im Boden. Sie fühlen den Feind. Spüren, wie die Welt selber erzittert und sind bereit. Die Krieger, das Heer an Vampiren, noch immer unbewegt, aber nicht weniger aufmerksam. Eine breite Wolkendecke, wie ein Tuch zieht über den Himmel. Für nur einen Augenblick verhüllt sie den Mond und nimmt uns die Sicht. Wir danken es ihr. Schreien, Jaulen, knirschende Knochen und sprudelnde Fontänen, als die Kräfte aufeinander prallen. Die Krieger, dem Tode entrissen, die fallen ein und zerschmettern die Gegner. Solch unbändige Wut, entfesselte ungebremste Kraft, übertragen durch diese Hinrichtungswerkzeuge, dass selbst die Übernatur nur zurückweichen kann. Die Wölfe beherrscht von Trieben, sind nicht fähig dazu. Die Vampire, ohne Logik oder Verstand, einzig einem fremden Willen unterworfen, wanken noch immer nicht. Sie hätten es besser getan. Die Wolkendecke ist vorüber und sie sind schon nicht mehr. Glühende Asche, verendende Wölfe, Blut und Glieder überall. Es war ein Massaker ohne Erbarmen. Der Feind geschlagen, die Krieger siegreich. Sie brüllen, ein Jauchzen fast, denn sie sind dem Mahl in der göttlichen Halle würdig. Speise und Trank, Weib und Fleisch für immer. Sie schlagen die Waffen gegen ihre Rüstung, ihre Freude nimmt überhand. Sie sind die Krieger eines Gottes. Aber dass sie nicht die volle Macht besitzen, wissen sie nicht. Dass sie mächtig, aber noch sterblich sind, es würde sie nicht interessieren. Sie sind siegestrunken und das macht sie wieder zu Lämmer auf der Schlachtbank. Sie sehen es nicht kommen. Ihr Engel, die Walküre, ebenso anwesend doch unsichtbar, ruft den Speer zu sich. Es ist getan. Das Heer, die Pest, die ihre Schwestern freiließen, geschwächt. Nicht besiegt, noch lange nicht ausgelöscht. Aber es konnte reichen. Für den Anfang. Die Walküre löst sich auf und verschwindet. Sie weiß, was nun passieren wird. Ein kleiner Triumph für ihre Gegner. Sie sollen ihn genießen, denn mehr bekommen sie nicht. Der Himmel, schwarz von der Nacht, erneut verdunkelt. Aber nicht von der Natur, eher ist es ein Handwerk, dessen Ergebnis es nun tut. Sirrend suchen sie sich ihre Ziele. Pfeile, zu Tausenden, hinfort geschleudert, von den Frauen des Waldes. Wir würden sie Elben nennen, sofern wir den Märchen glaubten. Die Krieger in der Mitte, zu spät reagiert, sie fallen, die Reihen lichten sich und sie kehren zum Ursprung zurück. Aber noch ist es nicht vorbei. Ein Drittel hinweggefegt, durch diesen listigen Angriff. Aber der Großteil steht noch. Frauengelächter, hinfort getragen wie das Säuseln des Windes, als die Waldwesen sich auflösen. Jetzt tauchen sie aus den Baumwipfeln auf. Lautlos sinken sie auf den Boden. Es ist ihre Umgebung, ihr Element, die Nacht. Sie werden gänzlich unsichtbar, wie ein Schatten des Todes. Es vergehen Sekunden, dann greifen sie an. Wie ein Hauch ziehen sie über das Feld, nehmen erst bei den Kriegern ihre Form an und schlagen nur einmal mit ihren Schwertern zu. Kein Gemetzel, keine Hinrichtung. Die Krieger sind tot und die Schattenwesen siegreich. Aber sie triumphieren und feiern nicht. Nur ein Angriff und sie dürfen in ihre Welt. Sie lösen sich auf, gleiten hinweg und verschwinden in den Schatten. Nur wir wissen, welches Zeugnis diese aufgewühlte Wiese beherbergt. Welche Urgewalt, den Wald hinweggefegt hat. Nur wir haben erlebt, welche Mächte dort aufeinander trafen. Halbherzig, so schien es. Zu schnell vorbei. Wie die Ausführung eines simplen Planes. Ein Schachspiel, ohne den König aus dem Spiel genommen zu haben. Aber wer sind die Bauern, wer ist die Dame, wer der König? Und viel wichtiger, wer spielt hier?


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