15:10 – Der Klinikalltag – Ein Blinder auf Station – Psychiatrie Tagebuch

 

Wir haben Mitten am Tag und mir kommt es aber so vor, als würden wir langsam gegen Abend schon gehen. In der Psychiatrie beginnt der Tag schon um einiges früher. Um 8 gibt es schon Frühstück. D.h. Um 7 rum, halb sieben, sechs bereits, ist man aus den Federn. Man kocht Kaffee für die Station, raucht oder dampft die eine und Andere unten vor dem Haus und schlürft den Ambrosia, der den Tag erweckt. Die Nerven und Sinne auf eigene Art beflügelt. Dann trudeln nach und nach die Leute ein aus ihren Zimmern. Angelockt durch den frischen Kaffee, beginnt das Eine oder auch Andere Gespräch oder man versucht langsam in Ruhe, sofern möglich, mit dem schwarzen Getränk wach zu werden. Dann wird Blutdruck gemessen und auch die Temperatur, wegen Corona, und man wird in Ruhe gelassen, um sich frisch zu machen oder auch einfach vorne rumzulümmeln.

Nach dem Frühstück beginnen die Therapien. Ergo oder Sport, langsames oder schnelles Walken. Je nachdem, wo man angemeldet ist, nimmt man Teil. Durch die Corona Krise gibt es jetzt kleinere Gruppen und zu Anfang muss man schon mal zwei Wochen warten, bevor man die erste Therapie mal hat. Was an für sich nicht schlecht ist, denn die Anfangszeit ist zum runterkommen, zum Ankommen. Tabletten brauchen auch 2 Wochen bis sie anfangen zu wirken, deswegen die 2 Wochen Wartezeit, dass man nicht mehr ein Akut Fall ist. Was bei der offenen Station sowieso seltener der Fall ist. Trotzdem laufen auch dort Welche rum, die noch mit sich selber reden, manchmal aggressiv sind oder einfach in eigener Welt zu 80 % sich befinden. Man kommt miteinander klar, in dem man einfach in Ruhe lässt oder sich die rauspickt, mit denen mal auf einer Wellenlänge ist, sich unterhalten kann oder auch sonst irgendwie was zusammen unternimmt.

Ausgänge sind am Anfang in Einzelfällen beschränkt auf ein paar Stunden, je nachdem wie der Stationsarzt verfährt. Später dann immer mehr Stunden, bis zu über den ganzen Tag oder sogar über Nacht. Natürlich bekommt man dann die Tabletten mit oder man benutzt welche, die man zu Hause bereits hat.

Man wird momentan bei uns sehr umsorgt. Das Essen wird über die Küche und entsprechende Ausgabe verteilt. Was man Mittags bestellt hat, nach Menü. Oder Abends und Morgens mit Brötchen oder entsprechender Brotsorte, die man haben will. Es wird in Käse und Wurst, was immer Geflügel ist, unterschieden.

Zu den entsprechenden Mahlzeiten werden die Tabletten verteilt. Manche bekommen sogar um 20 Uhr oder 22 Uhr noch Tabletten. Es gibt eine Abendruhe, aber da arrangiert man sich mit Zimmernachbarn. Ob man Netflix schaut oder auch nur Musik hört. Fernseher gibt es auch, aber im Moment empfängt unserer z.B. nur die öffentlich rechtlichen.

Ich muss sagen, am Anfang ohne entsprechenden Anschluss bei Patienten, die auf einer Wellenlänge sind, war es schon schwer. Man ist Einzelgänger, erzwungenermaßen, oder weil man es will. Es wird freundlicher, umgänglicher, menschlicher, wenn man Anschluss gefunden hat. Dies stellt sich immer etwas schwer da, da ein dauernder Wechsel besteht. Mal geht einer, mal kommt einer und so weiter. Ein Kern, der die länger bleiben müssen oder wollen, besteht aber es floriert schon ziemlich.

Wir auf unserer Station z.B. haben jetzt eine Ausnahmesituation. Wir haben einen blinden Patienten bekommen. D.h. Wir müssen uns jetzt alle um ihn kümmern. Und der erste Tag, den ich miterleben durfte, der lief echt gut. Es ist so, dass Menschen, die Leid erfahren sind, auch sozialer und gerade empathischer sind und sich verhalten. Die Pfleger haben jetzt zusätzliche Arbeit, in dem sie dem Patienten das Essen an den Tisch bringen oder nach Wohlbefinden, Bedürfnissen fragen. Wir als andere Patienten, müssen ihn mit runter zum Rauchen nehmen. Um ihm den Weg zu zeigen. Wir werden sehen, was in Zukunft noch durch diesen Patienten auf uns zu kommt. Auf jeden Fall wurde er immer mitgenommen runter zum Rauchen, von unterschiedlichen Personen jeweils. Jeder fühlt sich jetzt verantwortlich, wenn ein so sehr „schwacher“ Patient dabei ist. Keiner sieht weg oder ignoriert einfach. So meine jetzige Erfahrung. Und das finde ich schon sehr sehr positiv. Das mitanzusehen.

Mit diesem Artikel gebe ich mal direkt etwas Einblick in den Klinikalltag, was an für sich auch interessant sein kann. Zu sagen gibt es noch, dass Psychologen mit auf Station sind, mit denen man mal mehr, mal weniger ein Gespräch suchen kann. Ein Stationarzt und Oberarzt, mit entsprechender Visite in der Woche und natürlich die Pfleger.

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