13:43 Uhr – Persönlich Präsent sein – Psychiatrie Tagebuch

 

Natürlich hat die Ungeduld mich auf ganz eigene Weise gepackt. Ich denke, das würde jedem so gehen. Nach 6 Wochen Aufenthalt stehe ich jetzt ein paar Tage vor der Entlassung. Und trotzdem mache ich ruhig und gelassen mein Ding. Insgeheim zweifel ich noch ein bisschen, ob die Entlassung wirklich stattfindet. Aber es gibt gar nichts, was dagegen sprechen würde. Also kann ich mich voll und ganz darauf verlassen. In den letzten Tagen hatte ich Unsicherheit, ich hatte Unzufriedenheit und ich hatte Ungeduld. Jetzt dagegen bin ich vollkommen ruhig. Ich freue mich sogar wirklich darauf. Ich habe heute die Ergotherapie mit gemacht und die Sporttherapie. Beides mit Erfolg, wie ich finde. In der Ergo spiele ich Gesellschaftsspiele mit Mitpatienten. Das ist erlaubt, da es die Konzentration und das Sozialverhalten fördert. Und in gewisser Weise hatte ich die Position des Erfahrenen, obwohl ich später in das Spiel eingestiegen bin. Ich meine, es gibt eine Rolle, die sonst die Ergotherapeutin gefüllt hat beim Spiel. Karten mischen, die Übersicht behalten, für Rückfragen da sein und auf Einhaltung der Regeln achten, sowie anderen helfen, die unsicher sind. Diesmal, heute, habe ich diese Rolle beim Spielen übernommen. Sie machte mir direkt Platz als ich reinkam und vielleicht war es sogar so was wie ein Test, ob ich mich da auch gut schlage. Und das habe ich auch. Ich bin jetzt einer der fittesten Patienten auf der Station. Und ich merke immer mehr, wie man mich fragt oder guckt, was ich so mache. Natürlich merkt man es auch nach außen mit Sicherheit, dass ich klar und voll bei Verstand bin. Vor ein paar Wochen, da sah das noch vollkommen anders aus. Da habe ich mich lieber versteckt und Andere machen lassen. Hauptsache man nimmt mich nicht wahr. Ich bin also jetzt so weit wieder in die Öffentlichkeit und das normale Leben zu treten und wieder auch präsent zu sein. Wieder ich sein, wie ich eben nun mal bin. Mit all meiner Andersheit und Unterscheidung zu anderen Personen.

Und das genau, finde ich, ist eine Stärke an Selbstbewusstsein, die man erst einmal üben muss. Mit der Zeit immer mal wieder einfach man selbst zu sein. Egal, wie sehr einen das auch Anderen gegenüber entfremden mag. Natürlich immer in dem Rahmen, in dem das normale Leben es auch verträgt. Ich habe meinen Blog, meinen Raum, meinen Rahmen, wo ich genau so sein kann, wie ich es eben will. Erschaffen und kreieren kann, was ich nur selber will. Ohne Vorgabe, ohne Einengung. Mein persönlicher Freiraum. Man kann jetzt natürlich kritisieren, dass das rein fiktiv ist und real nicht fassbar wäre. Aber so viel in unserem Leben läuft jetzt digital ab, dass auch diese Form der Wirklichkeit schon längst Bestand in unserer Realität hat. Solange alles im Rahmen bleibt, darf und muss man sich nicht beschweren. Und mein Blog ist mein Fenster in eine Wirklichkeit, die rein mir selber unterliegt. Und Artikel um Artikel wird daraus eine Stimme, die nicht so leichtfertig übersehen werden kann. Deswegen gefällt es mir auch so sehr, hier zu schreiben, zu tippen. Und Stück für Stück meinen Blog und mich quasi gleichermaßen auszubilden und kennen zu lernen. Vielleicht verstehst Du das? Das wäre wirklich schön. 🙂

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