Er schlug die Augen auf. Gedanken wirbelten durcheinander, Bilder erhielten Form
und verschwanden wieder. Stimmen in seinem Verstand, die bettelten, beteten und
selten auch dankten. Das würde vorbeigehen, hatte man ihm gesagt. Es würde einige
Zeit dauern, bis er sich daran gewöhnt haben würde und es so weit unter Kontrolle
bekam, dass er es einfach unterdrücken konnte.


Sie lag neben ihm. In seinen Armen. Ihr blondes Haar fiel in Locken auf die weißen
Kissen. Ihr Mund, einmal voll der pulsierenden Farbe, wirkte matt und blutleer. Ihre
Haut, eisig und so blass, wie sie es zu Lebzeiten nie gewesen wäre.
Wie lange war sie schon tot? Eine Nacht? Zwei, oder drei? Es wusste es nicht. Denn
die Einschätzung, das Empfinden dieser einfachen Größe hatte sich verschoben.
Es klopfte an der Tür und er wälzte sich vom Bett herunter. Schnell ließ er sich auf
den Stuhl daneben sinken. Er musste nicht hereinbitten. Das war nicht sein Haus. Er
war hier ebenso nur Gast, wie sie.
Mit Schwung wurde die Tür geöffnet und eine Parfumwolke erfüllte den Raum.
Unpassend zu so einer Gelegenheit, wie er fand. Sie trat ein, ließ kurz ihren Blick an
ihm vorbeiziehen und er konnte die Missbillung darin nur zu genau ablesen. Mit den
Stöckelschuhen polterte sie über den Teppich, der nicht dick genug war, um das
noch zu dämpfen. Eine schwarze Seidenstrumpfhose, ein funkelnder kurzer Rock,
der das Gold der leuchtenden Kerzen in gleicher Farbe wiedergab. Und das schwarze
Oberteil mit dem viel zu weiten Ausschnitt. Ganz sicher war sie auch bis in das
kleinste Detail geschminkt.
Er wusste nicht genau, was ihn daran störte. Dass sie sich so anzog, oder dass sie es
gerade in so einem Moment tun musste.
„Wir machen uns Sorgen um Dich“, sagte sie jetzt und er konnte wirklich Bewegung
in ihrer Miene erkennen. Das passte noch weniger zu ihr. Er sagte nicht. Wozu auch?
Sie würde es nicht verstehen.
„Verdammt Robert. Sie ist tot. Es bringt doch nichts, wenn Du hier nächtelang
herumsitzt. Sie würde das auch nicht wollen.“ Sie schien es wirklich ernst zu
meinen. Und fast könnte er es ihr glauben. Aber dafür kannte er seine Mutter einfach
zu gut. Insgeheim freute sie sich doch, dass es so geendet hatte. Sie hatte von Anfang
an, etwas gegen Tina gehabt. Es war im Grunde egal was. Sie tat es immer.
Versuchte ihm das zu nehmen, was ihm wichtig war. Es war nie gut genug. Alle
wären nur hinter seinem Geld her. Leider hatte sie immer Recht behalten. Aber
diesmal nicht. Nicht bei Tina. Und doch konnte es keiner ahnen.
Ein Schlaganfall und sie war tot. Mit 30 Jahren. Sie hätten den Rest ihres Lebens
miteinander verbringen können. Stattdessen endete es so.
Seine Mutter blickte ihn weiter gebannt an, dann schnaubte sie und verließ wieder
den Raum. Besser so. Er wollte sie nicht hier haben. Es war seine Totenwache. Und
er konnte nur warten.
Innerlich musste er lachen. Sie würde Augen machen. Seine Mutter würde kreischen
und schreien, wenn sie erkannte, dass es nichts mehr gab. Er hatte ihr Haus verkauft,
das ganze Barvermögen an jemanden anders übertragen. Alles was er besessen hatte,
musste er hergeben. Sie würde nichts mehr besitzen. Das war seine Rache an ihr.
Aber wenn sie es entdeckt, wird er nicht mehr hier sein.
Und doch blieb ein Zweifel. Was, wenn er einem Betrüger aufgesessen war? Wenn
man ihn nur hereingelegt hatte? Ein Theater, ein Schauspiel, nur um ihn hinters Licht
zu führen? Er fühlte eine Veränderung, aber das konnte ebenso auch Einbildung sein.
Er musste es aber einfach tun. Einen anderen Ausweg gab es nicht. Diese winzige
Hoffnung war es wert gewesen. Er konnte ihm keine Garantie geben, da sie schon tot
gewesen sei, als er ihn geholt hatte. Drei Nächte sollte er warten, dann gäbe es keine
Hoffnung mehr.
Er stand vom Stuhl auf und ging hinüber zum Fenster. Er öffnete es und ließ sich
von der Brise da draußen streicheln. Gäbe es keinen Ausweg für sie, so wollte er
auch nicht mehr. Er würde es ebenso beenden.
Es raschelte hinter ihm und er fuhr herum. Schneller als jemals in seinem Leben
zuvor war er am Bett. Sein Herz raste, sein Atem überschlug sich. Sie öffnete die
Augen. „Tina“, flüsterte er mit brechender Stimme, die Tränen erstickten jedes
weitere Wort.
„Meine Liebe. Was hast Du getan?“ Fragte sie ihn. Leicht benommen und verwirrt
strich ihr Blick durch den Raum.
„Wir werden zusammen sein. Für immer.“ Er verdrängte das Schluchzen und küsste
sie ganz sanft auf die Lippen. Sie ließ es geschehen und dann erwiderte sie die
Berührung.
„Aber erst musst Du noch etwas tun.“ Unterbrach er den Moment. Er öffnete die
ersten Knöpfe des Hemdes und schob den Kragen herunter. Wie gebannt schaute sie
seinen Hals an.
„ Tu es. Ich will es und Du brauchst es. In Ewigkeit zusammen. Nur Du und ich.“
„In Ewigkeit zusammen,“ wiederholte sie.
Dann sah er ihre Eckzähne spitz herauswachsen, hörte ein übernatürliches Knurren
und hatte dennoch keine Angst. Er wusste was er wollte und hatte alles dafür
geopfert. Nur Sie. Für immer. Und bald war es so weit.

Categories: Storys

Bruno Schelig

Schriftsteller, Schreiberling und kreative Seele. "Sag mir, wer ich bin und ich sage Dir, was Dein Denken Dir erlaubt. Male das Bild meiner Persönlichkeit und ich male Dir Deine Seele. Denn was Du in mir zu erkennen glaubst, ist das Spiegelbild Deiner Selbst. Meine Handlungen unterliegen nur Deinen Deutungen, Deinem Denken und dem halbblinden Augen des Betrachters, der mein Ich nur als sein Wesen akzeptieren kann."