Vampir Tagebuch – 001 – Einleitung

Ich bin das personifizierte Böse, ein Dämon, dem Namen nach. Ich bin ein Sklave der Dunkelheit, der Nacht. Ich bin getrieben, von meinem Verlangen nach dem Nektar des Lebens. Dem Blut. Und doch, so verdorben ich auch zu sein scheine, bin ich voll der übernatürlichen Schönheit, ja Anmut, eigenem Glanz und Schein. Menschen bewundern mich, wenn sie mich wahrnehmen dürfen in all meiner Pracht. Aber ich bin gezwungen, mich zu verstecken, in der Dunkelheit, in den Schatten, in der Nacht. Denn ich bin versklavt, verdammt und werde niemals das freie Leben auskosten dürfen. Niemals mehr und das für die Ewigkeit meiner Lebenszeit.

Ich weiß, dass wir einen eigenen Zauber auf die Menschheit ausüben. Wann immer sie uns in ihren Träumen sehen, erahnen dürfen, was natürlich auch ein wahrhaftiger Besuch sein kann, den wir nur gekonnt verstecken, folgen sie uns nach. Es ist die ewige Last des endenden Lebens, dass es ihn nach der Unsterblichkeit dürstet. Und wir sind wie die falsche Schlange im Paradies. Wir preisen die ewige Verdammung durch unsere Präsenz als das Schönste an, das man sich vorstellen kann. Aber von der Verzweiflung, von der Einsamkeit, von der redet keiner.

Aber ich will mich nicht beklagen. Ich lebe schon so lange. So viele Jahrhunderte und habe so viel erlebt. So viele Menschen, auch große Persönlichkeiten, zu ihren Lebzeiten erleben dürfen. Und all das Wissen, was ich sammeln durfte. Ich selber bin meine eigene Bibliothek. Dennoch schreibe ich alles in meinem Tagebuch auf. Denn ich will es verewigt wissen, niedergeschrieben, wahrhaftig geworden in Schrift und Papier, damit ich nicht vergesse, dass auch ich eine lebhaftige Existenz bin.

Ab und zu darfst Du es lesen. Mir folgen in Gedanken, Wissen, Erfahrungen, Meinungen und auch Thesen. Denn so grandios ich mich auch selber halte, ich bin natürlich nicht perfekt. Wenn man so etwas auch vergisst nach all den Jahrhunderten meiner Existenz. Irgendwann fühlt man sich wie ein Gott. Mit all dieser übernatürlichen Macht und den nur wenigen Beschränkungen. Folge mir, stille meine Sehnsucht nach der Aufmerksamkeit. Denn das gehört zu den wenigen Dingen, die mein untotes Herz schneller schlagen lässt. Der gierige Hunger des Wissensdurstigen, der an meinen Lippen hängt und jedes meiner Worte aufsaugt, sobald eines nur das Licht der Welt erblickt.

Ich werde Dir Vieles erzählen und meine Macht dazu benutzen, ihm Wertigkeit zu verleihen. Denn ich bin nicht wie die Vielen da draußen. Einer unter Milliarden. Ich bin einer von Hundert, der durch seine Verdammung und Ausgrenzung auch wieder zu etwas Besonderem geworden ist. Auf jeden Fall sage ich mir das oft selber. Denn irgendwie muss man seine eigene Existenz ja begründen.

Vielleicht bin ich von Gott selber verdammt worden? Möglich ist. Ein Bruder des Teufels. Aber ich glaube nicht an so etwas. An Gott oder Teufel. Denn in all den Jahrhunderten ist mir Keiner von Beiden begegnet. Vielleicht ist alles der Macht von Zufall und Wahrscheinlichkeit überlassen? Selbst ich kann das so genau noch nicht beantworten. Aber ich werde es versuchen … Mit der Zeit. Versprochen.

Ich ende jetzt hier und weiß, morgen Nacht bereits, bist Du wieder da und folgst meinen langen Worten, die mein Ego streicheln und mich für Sekunden nur, aufleben lassen. Denn es gibt da draußen eine menschliche Seele, die mich wahrnimmt, die um mich weiß und die auch mit mir fiebert. So haben wir eine Gemeinsamkeit und das verbindet uns. Und das sogar, ohne dass ich Dich becircen muss. Eine Wonne, eine Freude, eine Liebkosung meiner Existenz, die dadurch einen Sinn bekommt. Auf bald.

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