Er wusste nicht, was er machen sollte. Was zu tun oder was zu lassen. Diese Wesen wanderten unabänderlich an ihm vorbei. Nahmen keine Notiz von ihm, so schien es.
Plötzlich spürte er es brennend am rechten Zeigefinger und schnippte die verbrannte Zigarette weg. Vor Schreck, vor Verblüffung, hatte er nicht weiter daran gezogen.
Was sollte er tun?
Diese Wesen ansprechen?
Wieder nach oben gehen, so tun als wäre nichts gewesen … Hoffen, dass der Schlaf diese Spukgeister verscheuchte???
Das erschien ihm feige … aber absolut logisch in dieser Situation.
Nur ein schlechter Traum, das musste es sein … mehr nicht … so hoffte er.


„Wo ist Lena?“, kam es wispernd an seine Ohren. „Hast Du Lena gesehen? … Ich habe sie verloren.
Eines der Wesen sprach.
Und das auch noch zu ihm.
Es musste ihn auch sehen.
Eiskalt grub es sich in seine Magengegend und er wollte zurück in sein Bett … und vergessen. Da packte ihn eines der Wesen am Arm und schaute ihm geradewegs in die Augen. „Hast Du Lena gesehen ???“ Aus dem eiskalt wurde der größte Frost, den er jemals erlebt hatte und er wollte zurückweichen, aber er konnte nicht. Er wurde fest gehalten. „Lena ist mein Hund … hast Du ihn gesehen ??? So klein …“ Das Wesen zeigte in Knie Höhe. Er konnte geradewegs in tote Augen gucken, in ein Wesen, das Mensch war und auch nicht. Ein Körper überlagert von Nebel und Dunst.
Ein Geist ???
Er hatte noch nie welche gesehen ???
War das möglich ???
„Nein, Bullshit,“ rief er sich innerlich zur Ordnung. Es gab keine Geister. Er träumte noch.
Für einen Moment lockerte sich der Griff und er sah seine Chance gekommen. Er riss sich los, rannte wieder rein und die Treppen hoch. Er wagte es nicht, sich noch einmal umzudrehen. Zu groß war die Angst, doch wieder diese Wesen zu sehen. Er rannte ohne Pause den ganzen Weg wieder rein und auf sein Zimmer. Dort ließ er sich in sein Bett fallen und kroch sofort unter die Bettdecke. Die Bilder von gerade verschwanden nicht, nein, aber sie wurden schwächer.
Jetzt konnte er sich zur Ordnung rufen. Alles nur Einbildung, ein böser Traum. Der Verstand hatte seine Angst nur in Bilder geformt, mehr nicht.
So richtig half es nicht und dennoch beruhigte er sich langsam und schlief ein. Er sank in angenehme Träume und Bilder leuchtender Farben, die ihn nach kurzem Schlaf, den Schrecken der Nacht einfach vergessen ließen.
Am Morgen wachte er ausgeruht auf und hatte schon fast hinter sich gelassen was er gesehen hatte. Natürlich erzählte er niemandem davon, man sollte ihn nicht für verrückt halten. Der Tag im Krankenhaus verging in gewohntem Ablauf und bald begann wieder die Nacht. Wieder legte er sich in sein Bett, wieder schlief er ein und wieder … wurde er wach.
Diesmal hatte er keine Angst, als er dort im Dunkel lag. Es war bereits schon mal passiert und die Angst ließ sich nicht blicken. Dafür aber die Neugier. Würde er sie wieder sehen oder diese Nacht nicht?
Er stand vorsichtig aus dem Bett auf und machte sich auf den Weg nach Draußen. Diesmal hatte er nicht solche Ängste durch zu stehen und war kurze Zeit später wieder vor dem Gebäude. Und ohne Anstrengung erblickte er wieder die Wesen, die scheinbar ohne Zeit herum streiften.
Er wusste immer noch nicht, was er davon halten sollte.
Waren das Geister ???
Sahen sie so aus ???
Halb Mensch, halb etwas Anderes ???
Mischwesen einer anderen Existenzform, die nur nachts ihren Pfaden folgten, wenn die normale Welt schlief? Unentdeckt und geheimnisvoll.
Und ja, wieder kam das Wesen der letzten Nacht. Sie sahen alle gleich aus, auf jeden Fall auf den ersten Blick, so konnte er nicht sagen, ob das jetzt das Gleiche oder ein Anderes war. Die Frage ließ ihn nur vermuten, dass er es mit dem Gleichen zu tun hatte.
„Wo ist Lena?“
Sie packte ihn diesmal nicht am Arm. Und er versuchte mit ihr in Kommunikation zu treten. Vielleicht gelang es ja ???
„Wer ist Lena?“ Fragte er diesmal zurück.
„Mein Begleiter, mein Freund und Beschützer. Mein Hund, der verschwunden ist. Hast Du ihn gesehen? Ich suche ihn schon so lange.“ Kam die Antwort prompt.
„Wie lange?“ Hakte er nach.
„Jahre, Jahrzehnte oder mehr, ich weiß es nicht … Er ist einfach nur weg und ich brauche ihn wieder. Weißt Du wo er ist?“
„Nein, leider nicht.“
„Oh … Schade“ Kam es traurig von ihr.
„Wer bist Du? Hast Du auch einen Namen … oder besser, was bist Du?“ Fragte er weiter und versuchte die Unterhaltung in Gang zu bringen.
Diesmal kam keine Antwort. Das Wesen ging einfach weiter.
„Sie weiß es nicht … Wer oder was … deswegen streift sie ja umher.“ Kam es von links. Ein Wesen kam auf mich zu. „Du bist wohl ein Seher … Nur wenige Menschen können uns sehen. Du gehörst dazu … Als erstes, hab keine Angst. Es ist normal was passiert. Mit Dir … mit der Nacht und den Wesen darin.“ Sagte das Wesen und kam fast gleitend auf ihn zu. Dieses „Ding“ war anders. Es bestand nur aus Nebel, nur aus einer Form, ohne Körper darin. Das konnte ein Geist sein. Eher so, wie er sie vorstellte.
„Du hast jetzt das zweite Gesicht,“ kam es vom Geist. „Du kannst sehen, was Anderen verborgen erscheint. Du kannst hören, was sonst nur die Toten aufnehmen. Und Du kannst fühlen, was wieder lebendig, dem Grabe entsteigt.“
Er sagte nichts dazu. Eine Einbildung, schoss es ihm mit rationalem Verstand in das Hirn. Und zu gerne hätte er diesen Rettungsanker ergriffen. Aber es war eine Farce, das wusste er ebenso. Er hörte, er sah, er fühlte, die Anwesenheit dieser Wesen ohne Körper und doch auch mit. Mischwesen aus Tod und Leben, die den Äther der Lebenden verlassen hatten und von nun an in eigener Welt, dem Zwischenreich, lebten. Nein, Angst machte es ihm nicht mehr. Er wusste einzig und alleine nur nicht, was er nun damit anfangen sollte. Wozu sah er sie? Diese Wesen und das Zwischenreich? Gab es einen Sinn oder spielte hier nur der Zufall der Unberechenbarkeit?
„All zu menschlich ist es, nach dem Sinn und Zweck zu suchen. Anders lebt die Spezies der lebenden Geschöpfe doch nicht mehr … so übernimmt der Gedanke die Zeit und den Raum, der der Aktion frei entfaltenden Lebens unterliegt.“ Kam es von dem Geist. Konnte er Gedanken lesen ? Fast, so schien es so, dass er die ungestellte Frage einfach beantwortete.
„Ich bin kein Geist. Ich bin ein Wächter des Zwischenreiches. Ich hüte die Geheimnisse und die Macht, die dem Zwischenreich unterliegt. Und manchmal, da führe ich auch verlorene Wesen neu ein. So, wie eben Dich. Denn der Zufall hat im Zwischenreich nichts zu suchen. Eine Gabe wurde nicht ohne Zweck oder Sinn verliehen. Du musst nur erkennen, finden und verstehen und Dein Weg offenbart sich Dir von selber.“ Fuhr das Wesen fort.
Er nickte, wenn auch gleich er nicht alles verstand. Dies sollte eine Gabe sein, ein Geschenk, das er erhielt. Er könnte es einfach annehmen und doch, da konnte er dies eben nicht. Er musste nach dem Warum fragen. Warum er ???
Warum diese Gabe und vor allem, warum diese Welt?
Der Geist, der Wächter antwortete diesmal nicht. Wozu auch? Er hatte bereits erklärt, was er von der Sinnsuche hielt. Er musste eine andere Frage finden, die er beantwortet bekommen könnte.
„Wie willst Du mich einführen?“ Etwas Besseres fiel ihm nicht ein.
„Ich werde Dir die Regeln erklären und Deine Aufgabe ergibt sich dann von alleine. Denn keine Gabe kommt ohne die passende Verantwortung, wie Du Dir denken kannst. … Das Reich ist in Aufruhr, die Wesen laufen abseits der festen Pfade und nur deswegen siehst Du sie hier im Nebel der normalen Wirklichkeit, deiner eigenen Realität. Was Du dagegen tun kannst, wirst Du bald wissen … Jetzt aber, muss ich Dich bitten, mir zu folgen. Zum Schleier der leichten Existenz. … Keine Sorge, Du wirst es verstehen. Nicht ohne Grund wurdest Du auserwählt.“
Er nickte und willigte ein, wenn auch unsicher und etwas hilflos. Wer wusste denn schon, worauf er sich da gerade einließ.


Bruno Schelig

Schriftsteller, Schreiberling und kreative Seele. "Sag mir, wer ich bin und ich sage Dir, was Dein Denken Dir erlaubt. Male das Bild meiner Persönlichkeit und ich male Dir Deine Seele. Denn was Du in mir zu erkennen glaubst, ist das Spiegelbild Deiner Selbst. Meine Handlungen unterliegen nur Deinen Deutungen, Deinem Denken und dem halbblinden Augen des Betrachters, der mein Ich nur als sein Wesen akzeptieren kann."