12. Februar – 23:27 Uhr

Mein lieber Jonas,
ich hätte es nicht tun sollen. Unser Kodex, unsere Leitsätze verbieten es uns. Aber
ich konnte nicht anders.
Ich kam von einem Vortrag, für den ich extra in diese Stadt reisen musste. Du weißt
das, denn auf Deine Anordnung hin, tat ich es schließlich. Ebenso weißt Du auch,
dass ich mich erst weigerte. Was bringen uns die Erkenntnisse, die die moderne
Wissenschaft erlangt? Näher an die Geheimnisse, die wir hüten und bewachen,
kommen sie doch nicht. Und genau wie ich erwartet hatte, wurden nur Mythen und
Legenden erzählt. Märchen frisch aufbereitet. Ich werde Dir alles erzählen, genau
berichten, wenn ich zurück bin.
Aber etwas war anders. Ein Anderes war auch dort. Eine junge Frau, voll der
blühenden Jugend. Es waren einige da, so wäre sie mir eigentlich nicht weiter
aufgefallen. Vertreter dieser Jugend, die nur die Suche nach diesen Geheimnissen
zum Lebensziel haben. Unwissend und zu naiv. Und in diesem Bereich, später als
Beute oder Opfer zu betrachten.
Diese Frau aber kam in Begleitung. Zur Rechten und zur Linken saßen sie. Zwei
junge Männer, die für diese Jahreszeit zu dick gekleidet waren. Aber auch das war
zwar ungewöhnlich, erweckte aber nicht mein Interesse. Der eine trug einen
hochgeschlossenen Rollkragen, der Andere einen leicht roten Seidenschal.
Diese junge Schönheit hatte mich von Anfang an im Blick. Es schien fast, als spiele
sie mit mir. Zwischendurch verließ sie ihren Platz und musste genau an meinem Sitz
vorbei, wo sie stolperte und mich einen sehr tiefen Blick in ihre funkelnden Augen
sowie den anregenden Ausschnitt werfen ließ.
Du kennst mich. Ich bin für so etwas nicht zu haben. Ich bin tugendhaft und habe
den Verlockungen der Welt entsagt. Und doch konnte ich nicht anders. Bei ihrem
Rückweg, wieder an meinem Platz vorbei, schob sie sich so dicht an mich heran,
dass ich nur mit äußerster Willenskraft widerstehen konnte, sie nicht zu umarmen
und an mich zu ziehen.
Aber noch schlimmer war, dass sie es wusste. Wissend lächelte sie mich an und
zwinkerte sogar. Zurück auf ihrem Platz, zog sie dem Einen den Schal herunter und
küsste ihn auf den Hals. Sie ließ es mich ganz bewusst sehen, warf mir einen Blick zu
und schob den Schal dann wieder an die Stelle zurück. Der junge Kerl hatte eine
Bisswunde am Hals. Es sollte mich nicht überraschen. Gerade wir, haben das doch
schon so oft gesehen.
Aber eigentlich erschreckte mich auch mehr der Umstand, dass sie es mir extra
zeigte. So, als wisse sie, woher ich kam. Natürlich ist das Unsinn. … Muss es sein.
Ich bin ihr danach gefolgt. Sie ging zu einem Club, der nirgendwo in unseren
Archiven auftaucht. Ich bin nicht hineingegangen. Mein Verstand hielt mich zurück.
Aber jetzt, wo ich diese kurze Erinnerung durchlebe, ergreift es wieder Besitz von
mir.
Ich muss es wissen. Und ich werde jetzt doch gleich den Club besuchen. Du wirst es
nicht verstehen, Du kannst es nicht. Und vielleicht werde ich es Dir nie rational
erklären können.
Es ist, als würde sie mich rufen.

<<>>

01:20 Uhr


Ich war dort. Ohne Probleme fand ich den Club wieder. So, als würde man mir die
Richtung weisen. Die Türsteher ließen mich ebenso einfach hinein. Ich sah sie an
der Theke stehen. Sie drehte sich zu mir um, wieder dieses wissende Lächeln auf den
Lippen. Dann ein Winken und ihre Begleiter standen wieder an ihrer Seite.
Sie kam zu mir, ging noch einmal ganz nah an mir vorbei, so dass ich es nicht mal
wagte, zu atmen.
Wie sehr sie mich fesselte. Nicht einen Augenblick blinzelte ich, wagte es, mich
abzuwenden oder herunterzusehen. Ich wollte sie aufnehmen und begreifen.
Am Eingang blieb sie stehen.
„Komm morgen früher und alleine. Vielleicht bin ich es dann auch.“ Sagte sie und
zwinkerte mir zu.
Kurze Zeit blieb ich noch dort, dann ging auch ich wieder.
Und ich werde morgen da sein. Lass Dir etwas für meine Frau einfallen. Sag, dass
die Abreise sich verzögert hat. Ich kann sie jetzt nicht anrufen, nicht mit ihr
sprechen.
Ich weiss, ich sollte morgen wieder zurück sein. Aber es geht einfach nicht. Ich muss
es wissen. Ich muss bleiben.
Bitte verzeih mir, mein alter Freund.

<<>>

16.Februar – 00:20 Uhr

Ich weiss. Schon längst sollte ich zurück sein. Und noch immer habe ich den Brief
nicht abgeschickt.
Aber jetzt geht es nicht mehr. Ich kann dieses Leben nie mehr betreten, nachdem ich
das alles erfahren und erlebt habe.
Jonas, wie blind waren wir?
Wie konnten wir nur alles direkt vor der Nase haben und nie auch nur danach
greifen?
Du wirst von Moral reden, von Verantwortung und vielleicht auch vom Bösen. Aber
es hat keine Bedeutung mehr. Für mich, nicht mehr. Und nach heute Nacht, nie
mehr.
Such mich bitte nicht. Ich habe gewählt und es war die richtige Entscheidung. Leb
wohl.

<<>>

Jonas legte die Papiere zurück in den Ordner. Seit zwei Monaten war sein Freund
nun verschwunden und es gab keine Spur seines Verbleibes. Er hätte ihn gerne
aufgegeben, denn er konnte sich vorstellen, was passiert war und welchen Weg er
gewählt hatte.
Es gab wieder eine Vorlesung. Das gleiche Thema. Eine Spur? Ein Anhaltspunkt?
Seine Vorgesetzten glaubten es. Und schickten ihn los.
So etwas hätte nicht passieren dürfen. Er wusste nicht, ob er stark genug dafür war.
aber man ließ ihm keine Wahl. Und irgendwie schuldete er es dem Freund doch
auch. Er hätte das Gleich für ihn getan.
Der Pflock bohrte sich nur leicht in seinen Rücken, als er auf dem Sitz Platz nahm.
Ein kurzer Schmerz, den er aber ignorieren konnte. Und nach nur ein paar
Augenblicken, den ersten Sätzen der Rede, schob sich eine junge Frau an seinem Sitz
vorbei. Sie stolperte und versuchte seinen Blick gefangen zu nehmen.
Aber er war vorbereitet. Ihn würde sie nicht in den Bann ziehen. Er wusste, was
weiter passieren würde. Und wirklich, sie schob sich erneut vorbei und an ihrem
Platz entblößte sie den Hals ihres Begleiters.
Er war auf der richtigen Spur. Vielleicht gab es noch Hoffnung für den Freund?

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Nismion LeVieth

Schriftsteller, Schreiberling und kreative Seele. "Sag mir, wer ich bin und ich sage Dir, was Dein Denken Dir erlaubt. Male das Bild meiner Persönlichkeit und ich male Dir Deine Seele. Denn was Du in mir zu erkennen glaubst, ist das Spiegelbild Deiner Selbst. Meine Handlungen unterliegen nur Deinen Deutungen, Deinem Denken und dem halbblinden Augen des Betrachters, der mein Ich nur als sein Wesen akzeptieren kann."