Es ist meine letzte Nacht – Wolfsfluch

Es ist meine letzte Nacht. Die letzte Nacht, die ich auf dieser Erde verbringen werde….als Mensch. Schon bald wird sich alles ändern. Gesetze und Einschränkungen, die ich kannte werden mir nichts mehr bedeuten. Es sollte mich freuen und doch spüre ich, wie es mich von innen heraus mit Eiseskälte erfüllt. Angst. … Die habe ich. Nicht vor dem was passieren wird. Denn man hat mich sehr gut vorbereitet. Es ist die Angst davor, was ich werde. Welche Taten ich begehe. Schon bald und von da an, jeden Monat zur gleichen Zeit einmal.

Ich habe den Weg selber gewählt. Ich wusste sehr genau, was auf mich zukommt. Und doch habe ich es nicht kommen sehen. Ich konnte es nicht wahrhaben und ehrlich gesagt, einfach nicht glauben. Als sie damals zu mir kam und mir die Geschichten erzählte, habe ich gelacht.

Wie sollte ich auch anders reagieren. Unwissend und naiv, wie ich war. Aber mit den Jahren zeigte sich, wie Recht sie hatte. Nach meiner Pubertät fingen die Veränderungen an. Ja, wie auch bei jedem anderen Jugendlichen. Das stimmt. Aber ich bekam keine Pickel. Keinen reinen Bartwuchs. Ich hätte es mir gewünscht. Stattdessen wuchs meine Körperkraft unermesslich. Ausdauer und Sinne wurden in übermenschlicher Stärke gesteigert. Auch das war anfangs wie ein Traum. Und sicher wäre es mir nie in den Sinn gekommen, das zu bedauern. Ich sah es einfach als Geschenk, als Gabe, die man mir verliehen hatte.

Aber mit den Jahren und dem Älterwerden, kamen die Erinnerungslücken. Ich wurde ungezügelt, ungebremst in emotionalen Ausbrüchen. Auch das bereitete mir noch keine Sorgen. Bis das letzte Jahr anbrach. Das Jahr in dem ich 21 wurde.

Damals hatte sie mir gesagt, dass ich nach dem 21 Lebensjahr im Vollbesitz meiner Kräfte sei. Es stetig wachse, bis ich dann auf alles zugreifen könne. Damals habe ich ihr nicht geglaubt. Doch immer öfter wachte ich an Orten auf, wo mir die Erinnerung fehlte. Nackt und durchgefroren. Aber seltsam befriedigt. Gesättigt, könnte man sagen. Mit der Zeit tauchten auch die ersten Spuren auf. Zerfetzte Körper, die die Polizei fand. Leichen, die sich häuften. Anfangs dachte ich mir auch dabei nichts dabei. Doch so langsam begann ich die Rückschlüsse und Verbindungen zu ziehen. Ich erkannte, wo ich aufgewacht war und sich die Leichen am nächsten Tag im Fernsehen abzeichneten. Es bereitete mir Gewissensbisse. Da muss ich zugeben. Alles andere wäre eine Lüge. Doch ich akzeptierte es als meine Natur.

Es lief gut so. Ich belog mich immer noch selber. Benutzte meine übermenschlichen Kräfte auf der Arbeit, im Alltag und konnte unentdeckt hervorragende Leistungen vollbringen. Bis heute morgen.

Es war noch eine Nacht bis Vollmond. Und ich war zu Hause aufgewacht. Im Hause meiner Verlobten, die ich bald heiraten wollte. Im fünften Monat schwanger und voll des neu wachsenden Lebens. Mein Glück, meine Liebe, mein Leben. Bis heute…

Ich fand sie nach dem Erwachen in der Küche. Auf dem Fußboden. Die Augen in Schrecken geweitet. Die Arme zur Abwehr im Tode verkrampft. Das Blut an meinem nacktem Körper, die Spuren auf dem Laken, in dem ich geschlafen hatte, ließen mich erkennen, was passiert war.

Aber es hätte so nicht enden dürfen. Eine Nacht wäre mir noch geblieben. Eine Nacht, bis Vollmond. Ich rief sie an. Erbost und so sehr doch auch verängstigt. Drei Nächte um den Vollmond, gab sie mir neu zu verstehen. Sie habe es damals schon gesagt. Hatte ich nicht zugehört? Sie fragte, was passiert sei. Doch ich legte den Hörer einfach auf.

Und nun stehe ich hier. Am Rande eines Daches. Unter mir geht es steil hinab. Ich könnte springen…. Und würde es doch überleben. Die dunkle Wolkendecke verhüllt noch die magische Scheibe, die mich so sehr ruft. Aber heute Nacht werde ich antworten, wie sie es nicht erwartet. Silbrig glänzt der Lauf, Dunkelheit beherbergt er im Innern. Doch auch dort ist das Silber, wie ich weiß. Ich drücke ab und nur ein einziges Mal hustet der Revolver.

Meine letzte Nacht als Mensch. Auf dieser Erde. … Ich bereue es nicht. Hätte ich es nur früher getan. Lebte meine Liebe noch. Ihr Bild taucht auf. Sie lächelt mich an. Hält unsere Tochter in den Armen. Dann …  nur noch Dunkelheit und ich versinke darin.

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