Die Frau ohne Gesicht

Es mochte Jahrzehnte her sein, dass zuletzt ein Sterblicher ihr Gesicht gesehen hatte. Damals, zu Lebzeiten, als sie noch voll blühender Farbe gewesen war, da hatten sie die Männer verehrt. Sie waren ihr nachgerannt, hatten sie angebetet, angeschmachtet. Sie war das Gesprächsthema Nr. 1 der Stadt gewesen. Was sie tat, begehrte, vernichtete oder auch ignorierte …

Die Zeilen der hiesigen Presse verewigten nur Alles in jeder Kleinigkeit. Nun aber, konnten selbst Geister, Götter, Dämonen, Engel oder Teufel nicht mehr ihr Gesicht ansehen. Denn so, wie ihr Leben entschwand, ihr Ruhm durch Tod aufgelöst wurde, genau so, verlor sie ihr hübsches Gesicht.

Sie hatte es vorher gewusst, geahnt oder wenigstens befürchtet. Nun, sie war überdeutlich gewarnt worden. Unsterblichkeit, Ruhm, Reichtum und Macht im simplen Austausch für ihre Seele. Sie war jung gewesen, verblendet und sicher auch unschuldig. Zumindest vor dem Pakt. Nur einen Haken, den verriet man ihr nicht. Niemand konnte es zuvor in Betracht ziehen oder als reine Möglichkeit zur Wahrscheinlichkeit formen. Es gab einen kleinen Umstand, der alles zu Nichte machen konnte. Und wie es so bei der Wahrscheinlichkeit geschrieben steht, begann Zufall genau diese Realität hinauf zu beschwören.

Er war Einer unter Vielen und doch war er es nur wieder nicht. Kein Journalist, kein Verehrer, Bewunderer oder reiner Stalker. Er war wie die Anderen, aber ebenso auch absolut nicht. Jubelten die Anderen ihr zu, so schwieg er nur und blickte tief in ihre Augen. Ohne ein Wort berührte er sie, hielt sanft ihr Inneres und tanzte ohne Bewegung um sie herum. Es verwirrte sie, regte sie auf und gleichzeitig schenkte es ihr Ruhe. Sie verstand nicht, was geschah. Mit ihm, mit ihr, mit Beiden und das nur ohne ein Wort.

Tage vergingen, Wochen folgten und Ruhm und Reichtum mehrten sich mehr und mehr.

Aber irgendwie, da genügte es ihr nicht mehr. Sie sehnte sich nach den Momenten der Stille, ohne Worte, ohne Berührung und doch nur voll der Nähe.

Es dauerte nicht einmal Monate, bis sie nun endlich miteinander sprachen.

Alleine in Sekunden der Zweisamkeit.

Es begann mit Stille, formte dann unsichere Worte und danach nur erneut die Stille, die mit küssenden Lippen nur anders sprach.

Es waren diesmal keine Momente, keine Sekunde mehr, bis sich nur alles änderte.

Das Glück, die Liebe, die traute Zweisamkeit, nun, da hätte sie folgen müssen …

Aber der Preis führ ihren Pakt schloss echtes Glück alleine aus.

Es verweigerte Liebe, versprach alleine Bewunderung und Verehrung.

Und sogleich, in erster Berührung ihrer wahren Liebe, verlor sie Existenz, Namen, Gesicht und Leben …

Dies alles war vor Jahrzehnten geschehen.

Niemand kannte sie noch, war fähig ihr Gesicht zu schauen. Sie aber, sie suchte, hoffte und bangte, dass der Einzige, der Wahre, auch das Reich der Geister betreten möge. Und sollte es auch jede Ewigkeit nur dauern, sie würde harren, warten und hoffen. Denn auch ohne Gesicht, vermochte sie zu lieben. So streifte sie umher, Tag oder auch Nacht, es war des Gleich.

Dimensionen an Welten, Zukunft und auch Vergangenheit, nur sie war ewig und unvergänglich.

Die Eine, die Einzige, die Frau ohne Gesicht.

Author: Nismion LeVieth

Schriftsteller, Schreiberling und kreative Seele. Des Sprechens niemals müde, des Schreibens nur in Liebe geknechtet, so gibt es Vieles, Manches noch mehr, im Namen der Dreien, die als dann nur Einer sind: Bruno T Schelig; B.T.Trybowski; Nismion LeVieth. Spuren, denen man folgen will, die findet man rein selber. Der Instinkt, an Neugier gebunden, er weist den richtigen Weg.